Tarifjahr 2026 startet unter Hochspannung: Chemie und Metall vor harten Verhandlungen

Verhandlungsführer Matthias Bürk Foto: Arbeitgeberverband/ Ivgenia Möbus

(cs) Das Tarifjahr 2026 beginnt für die deutsche Industrie mit erheblichen Spannungen. Ausgerechnet die beiden beschäftigungsstärksten Branchen – die Chemische Industrie und die Metall- und Elektroindustrie – gehen in eine Phase schwieriger Tarifauseinandersetzungen. Während die Metall- und Elektroindustrie ihre Verhandlungen erst im Herbst aufnehmen wird, hat die Chemiebranche bereits begonnen – allerdings ohne einen ersten Durchbruch.

Die Auftaktrunde der bundesweiten Tarifverhandlungen für die rund 585.000 Beschäftigten der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie ist in dieser Woche in Hannover ergebnislos zu Ende gegangen. Die Gespräche sollen am 23. und 24. Februar in Wiesbaden fortgesetzt werden. Der aktuelle Tarifvertrag läuft Ende Februar aus, der Zeitdruck wächst.

Die Fronten sind klar gezogen und die Arbeitgeber schlagen Alarm. Sie verweisen auf eine tiefe strukturelle Krise der Branche. „Unsere Industrie hat in den letzten Jahren massiv an Substanz verloren. Es gibt auf absehbare Zeit keine Zuwächse, die wir verteilen können“, sagte Matthias Bürk, Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands BAVC. Die Produktion liege rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2018. Weitere Lohnkostensteigerungen würden den Standort Deutschland zusätzlich belasten und die Krise verschärfen.

Tatsächlich befindet sich die deutsche Chemieindustrie in einem tiefgreifenden Umbruch. Anlagenschließungen, Einschnitte in der Produktion und Stellenabbau prägen vielerorts den Alltag. Die Auslastung der Anlagen liegt auf einem historisch niedrigen Niveau, die Beschäftigtenzahlen gehen erstmals spürbar zurück. Investitionen fließen zunehmend ins Ausland – dorthin, wo Energie, Arbeit und Regulierung günstiger sind. Vieles deutet darauf hin, dass die Branche in den kommenden Jahren eher schrumpfen als wachsen wird.

Diese Ausgangslage macht die Tarifverhandlungen besonders heikel. Auf der einen Seite stehen berechtigte Erwartungen der Beschäftigten, auf der anderen Seite eine Industrie, die um ihre Wettbewerbsfähigkeit ringt. Die wirtschaftlichen Kennzahlen unterstreichen den Ernst der Lage: Auftragseingänge lagen zuletzt 6,7 Prozent unter dem Vorjahresniveau, die Umsätze sogar rund sieben Prozent darunter. Produktion und Preise stehen weiter unter Druck.

Gleichzeitig gibt es erste, vorsichtige Hoffnungsschimmer. Die Geschäftserwartungen der Unternehmen haben sich zuletzt leicht aufgehellt. In einigen Kundenbranchen sowie im Bau mehren sich die Aufträge. Die Kapazitätsauslastung in der Chemie ist leicht gestiegen, die Produktionspläne zeigen erstmals seit Monaten wieder nach oben. Auch im Exportgeschäft hat sich die Stimmung zuletzt verbessert – erstmals seit fast einem Jahr liegen die Exporterwartungen wieder im positiven Bereich.

Vor diesem Hintergrund wächst der Druck auf die Sozialpartner, verantwortungsvoll zu handeln. „Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen – das muss unser gemeinsames Ziel sein“, lautet der Tenor aus der Branche. Ob es gelingt, einen tragfähigen Kompromiss zu finden, wird nicht nur über die Einkommen von Hunderttausenden Beschäftigten entscheiden, sondern auch darüber, wie zukunftsfähig der Chemiestandort Deutschland bleibt.

Und das ist erst der Anfang: Spätestens im Herbst, wenn auch die Metall- und Elektroindustrie in ihre Tarifrunde startet, dürfte sich zeigen, wie konfliktfähig – oder kompromissbereit – die deutsche Industrie im Tarifjahr 2026 wirklich ist.