Erholung mit angezogener Handbremse: Warum der Aufschwung fragil bleibt, sagt der Bankenverband
(cs) Die deutsche Wirtschaft scheint 2026 endlich wieder Tritt zu fassen. Nach einer langen Phase der Unsicherheit sprechen viele Indikatoren für eine beginnende Erholung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Dieser Aufschwung steht auf wackligen Beinen.
Darauf weist auch die aktuelle Frühjahrsprognose des Bundesverband deutscher Banken hin, die heute Mittag der Presse vorgestellt wurde.
Gemeinsam mit Chefvolkswirten privater Banken zeichnet der Verband ein Bild, das Hoffnung und Risiko zugleich vereint. Ein erwartetes Wachstum von rund 1,0 Prozent klingt zunächst solide – ist aber bei näherer Betrachtung eher ein zaghafter Schritt als ein kraftvoller Aufbruch.
Im Zentrum der Unsicherheit steht einmal mehr ein externer Faktor: der Krieg im Nahen Osten. Die geopolitischen Spannungen treiben die Energiepreise – und damit auch die Inflation. Mit prognostizierten 2,6 Prozent in Deutschland bleibt die Teuerung spürbar über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank. Für Verbraucher bedeutet das: steigende Lebenshaltungskosten, für Unternehmen: höhere Produktionskosten.
Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, bringt es auf den Punkt, wenn er betont, dass die wirtschaftliche Perspektive maßgeblich von der Entwicklung der Energiepreise abhängt. Doch genau hier beginnt das Problem: Diese Entwicklung liegt weitgehend außerhalb des politischen Einflussbereichs in Deutschland.
Zwar entwirft der Bankenverband ein Basisszenario, in dem sich die Energiepreise innerhalb weniger Wochen entspannen. Doch wie realistisch ist das angesichts der geopolitischen Lage? Das alternative Risikoszenario wirkt deutlich näher an der Realität: anhaltend hohe Energiepreise, Inflation über 3 Prozent und ein Wachstum, das kaum über die Nulllinie hinauskommt.
Damit wird ein strukturelles Problem sichtbar, das über die aktuelle Krise hinausgeht. Die deutsche Wirtschaft bleibt anfällig für externe Schocks – insbesondere im Energiebereich. Die Abhängigkeit von globalen Entwicklungen wirkt wie ein dauerhafter Bremsklotz für Stabilität und Wachstum.
Vor diesem Hintergrund wirkt auch der Appell an die Politik fast schon routiniert: Reformen, Strukturmaßnahmen, Nutzung der „wahlkampffreien Zeit“. Doch genau solche Forderungen sind seit Jahren zu hören – mit überschaubaren Ergebnissen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Reformen notwendig sind, sondern warum sie bislang nicht konsequent umgesetzt wurden.
Auch die Rolle der Banken verdient eine kritischere Betrachtung. Als Beobachter und Analysten liefern sie wichtige Einschätzungen – doch ihre Prognosen bleiben naturgemäß vorsichtig und oft reaktiv. Eine echte wirtschaftspolitische Vision, die über Szenarien hinausgeht, ist darin selten zu erkennen.
Unterm Strich zeigt sich: Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland ist weniger ein Selbstläufer als vielmehr ein Balanceakt. Zwischen geopolitischen Risiken, strukturellen Schwächen und politischem Reformstau bleibt der Aufschwung fragil. Wer jetzt von einem klaren Neustart spricht, greift zu kurz.
