Tarifrunde 2026 – erster Verhandlungstag: Metallarbeitgeber fordern realistischen Kurs

„Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass wir es nicht mit einer vorübergehenden konjunkturellen Delle zu tun haben. Viele Unternehmen kämpfen mit tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, hohen Energiepreisen, steigender Bürokratie und einem wachsenden internationalen Wettbewerbsdruck“, betont Grütering (links). Archivfoto: Frank Wiedemeier

Von Christoph Sochart

Die ersten regionalen Tarifverhandlungen in der deutschen Metall- und Elektroindustrie haben heute (7. Oktober 2026) in Düsseldorf und Baden-Württemberg begonnen. Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Aus Sicht der Arbeitgeber ist diese Forderung angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage eindeutig zu hoch.

In Nordrhein-Westfalen sind rund 640.000 Menschen in der Metall- und Elektroindustrie beschäftigt, in Baden-Württemberg etwa 900.000. Die Branche steht jedoch unter erheblichem Druck: Produktion und Beschäftigung sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, gleichzeitig verschärft sich die internationale Wettbewerbssituation. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sieht deshalb keinen Verteilungsspielraum für eine üppige Lohnerhöhung.

„Die Unternehmen unserer Region stehen vor enormen Herausforderungen. Die Metall- und Elektroindustrie befindet sich in der schwersten Strukturkrise seit Bestehen der Bundesrepublik. Deshalb ist diese Tarifrunde eine der schwierigsten der vergangenen Jahrzehnte“, erklärt Michael Grütering, Hauptgeschäftsführer des Düsseldorfer Arbeitgeberverbandes der Metall- und Elektroindustrie.

Produktion und Beschäftigung unter Druck

Seit 2018 ist die Produktion der Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen um 27 Prozent zurückgegangen. Die Beschäftigung ist im gleichen Zeitraum um zehn Prozent gesunken. Der Personalabbau droht sich weiter zu beschleunigen. Mittlerweile verliert der größte Industriezweig des Landes Monat für Monat rund 2.500 Arbeitsplätze.

Mit nur noch rund 640.000 Beschäftigten hat die Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen einen historischen Tiefststand erreicht. Bundesweit sind in den vergangenen Jahren bereits hunderttausende Arbeitsplätze in der Industrie verloren gegangen. Die Deindustrialisierung hat damit konkrete Folgen für Unternehmen, Beschäftigte und ganze Regionen.

„Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass wir es nicht mit einer vorübergehenden konjunkturellen Delle zu tun haben. Viele Unternehmen kämpfen mit tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, hohen Energiepreisen, steigender Bürokratie und einem wachsenden internationalen Wettbewerbsdruck“, betont Grütering.

Hohe Arbeitskosten belasten den Industriestandort

Ein wesentlicher Kostenfaktor für die Unternehmen sind die Arbeitskosten. Der Lohnkostenanteil an den Einkaufskosten liegt im Durchschnitt bei rund 30 Prozent, im Mittelstand sogar bei etwa 50 Prozent. Damit zählen die Arbeitskosten zu den entscheidenden Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

„Ein beträchtlicher Kostenfaktor für unsere Unternehmen ist der hohe Lohnkostenanteil an den Einkaufskosten mit im Mittel 30 Prozent – im Mittelstand liegt er sogar bei 50 Prozent. Die hohen Arbeitskosten sind eine wesentliche Ursache für die massive Wettbewerbsschwäche der Unternehmen am Industriestandort Nordrhein-Westfalen. Dieser Kostendruck muss jetzt runter“, sagt Michael Grütering.

Die Arbeitgeberseite weist darauf hin, dass zusätzliche Kostensteigerungen Investitionen erschweren und den Druck auf Arbeitsplätze weiter erhöhen könnten. Besonders betroffen sind mittelständische Unternehmen und Zulieferer, die häufig mit geringeren Margen arbeiten und zugleich im Wettbewerb mit internationalen Standorten stehen.

Eine pauschale Einkommenserhöhung von fünf Prozent passe daher nicht zur wirtschaftlichen Realität der Branche. Vielmehr brauche es einen Tarifabschluss, der die angespannte Situation der Unternehmen berücksichtigt und Beschäftigung am Standort sichert.

Tarifabschluss muss Investitionen ermöglichen

Die anstehende Tarifrunde müsse deshalb mit Augenmaß geführt werden. Die Arbeitgeber setzen sich für einen Abschluss ein, der den Unternehmen Planungssicherheit gibt und zugleich Raum für Investitionen, Innovationen und Beschäftigung lässt.

„Wir brauchen einen Abschluss, der den Unternehmen Luft zum Atmen lässt, Investitionen wieder rentabler macht und Beschäftigung am Industriestandort sichert. Es geht um die Zukunft unserer Industrie und damit auch um die Arbeitsplätze in unserer Region“, erklärt Grütering.

Die Tarifparteien stehen damit vor einer besonderen Verantwortung. Tarifpolitik kann nicht alle Standortprobleme lösen. Sie kann aber dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken, den Flächentarifvertrag zukunftsfest zu halten und die Voraussetzungen für eine Re-Industrialisierung zu schaffen.

Dazu gehören aus Arbeitgebersicht neben wettbewerbsfähigen Arbeitskosten auch verlässliche politische Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie, eine sichere und bezahlbare Energieversorgung sowie mehr Investitions- und Planungssicherheit.

Arbeitgeber fordern realistischen Kurs

Die Metall- und Elektroindustrie braucht nach Einschätzung der Arbeitgeber keinen weiteren Kostenschub, sondern einen realistischen tarifpolitischen Kurs. Ein Abschluss müsse fair, wirtschaftlich tragfähig und auf die Sicherung von Arbeitsplätzen ausgerichtet sein.

Die Tarifrunde 2026 ist damit eine Bewährungsprobe für die Sozialpartnerschaft und für die Zukunft des Flächentarifvertrags. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die berechtigten Interessen der Beschäftigten mit der wirtschaftlichen Realität der Unternehmen in Einklang zu bringen.