Ausbildung ist keine Pflichtübung – sie ist Düsseldorfs Zukunftsversicherung

Michael Grütering, Chef der Arbeitgeberverbände in Düsseldorf; Foto: Frank Wiedemeier
Kurz vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres zeigt sich in Nordrhein-Westfalen ein widersprüchliches Bild: Weniger Ausbildungsplätze werden gemeldet, zugleich bleibt das Interesse junger Menschen an der dualen Ausbildung stabil. Für Unternehmen und Bewerberinnen und Bewerber ist das keine Sackgasse, sondern ein Auftrag zum gemeinsamen Handeln.
Von Christoph Sochart
Düsseldorf ist eine Stadt, die gern über Zukunft spricht. Über Transformation, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Geschäftsmodelle. Doch Zukunft beginnt selten auf einer Bühne und fast nie mit einer PowerPoint-Präsentation. Sie beginnt dort, wo ein Betrieb einer jungen Frau oder einem jungen Mann die Chance gibt, einen Beruf zu lernen.
Die duale Ausbildung ist deshalb mehr als ein Baustein der Personalplanung. Sie ist die praktische Antwort auf eine doppelte Herausforderung: Die Wirtschaft verändert sich grundlegend – und zugleich verabschieden sich in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsleben. Wer heute nicht ausbildet, wird in drei bis fünf Jahren spürbare Engpässe bei qualifizierten Nachwuchsfachkräften erleben. Was heute wie eine freie Entscheidung aussieht, kann morgen zur empfindlichen Lücke werden.
Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in Nordrhein-Westfalen macht diesen Handlungsdruck sichtbar. Bis Ende August meldeten Unternehmen und Betriebe 92.947 betriebliche Ausbildungsstellen bei den Agenturen für Arbeit – 6.319 weniger als im Vorjahr, ein Rückgang von 6,4 Prozent. Die aktuelle Wirtschaftskrise geht auch am Ausbildungsmarkt nicht spurlos vorbei.
Und doch wäre es falsch, die Geschichte an dieser Stelle mit dem Wort „Rückgang“ zu beenden. Denn gleichzeitig meldeten 105.686 Jugendliche Interesse an einer Ausbildung. Das sind 381 junge Menschen mehr als im Vorjahr. Kurz vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres am 1. September sind noch 23.359 Ausbildungsstellen zu besetzen – viele davon in Berufen, die von Fachkräfteengpässen geprägt sind und gute Zukunftsperspektiven bieten.
Auch auf der Seite der Jugendlichen ist die Situation eindeutig: 25.844 Bewerberinnen und Bewerber gelten noch als unversorgt. Hinzu kommen 12.418 junge Menschen, die zwar bereits eine Alternative gefunden haben, aber lieber eine duale Berufsausbildung beginnen würden. Hinter diesen Zahlen stehen keine abstrakten Marktbewegungen. Dahinter stehen junge Menschen mit Erwartungen, Fähigkeiten und dem Wunsch, beruflich Fuß zu fassen. Und dahinter stehen Betriebe, die dringend Verstärkung suchen, aber unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen handeln müssen.

Birgitta Kubsch-von Harten; Vorsitzende der Geschäftsführung. Foto: AfA
Denn eines darf in der Debatte nicht untergehen: Unternehmen bemühen sich. Viele Betriebe halten an ihrer Ausbildungsbereitschaft fest, obwohl Kosten steigen, Aufträge schwanken und die Anforderungen an die Ausbildung wachsen. Ausbildung ist eine Investition – in Zeit, Betreuung, Ausstattung und Verantwortung. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen stoßen dabei mitunter an ihre Grenzen. Das verdient Anerkennung, nicht den pauschalen Vorwurf, die Wirtschaft tue zu wenig.
Gleichzeitig darf die schwierige Lage nicht zum Grund werden, Chancen ungenutzt verstreichen zu lassen.
Michael Grütering, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände in Düsseldorf, appelliert deshalb an die Mitgliedsbetriebe: „Gerade im Zuge der wirtschaftlichen und strukturellen Transformation ist es entscheidend, die Potenziale am Ausbildungsmarkt aktiv zu erschließen. Wer heute nicht ausbildet, wird in drei bis fünf Jahren spürbare Engpässe bei qualifizierten Nachwuchsfachkräften erleben – insbesondere vor dem Hintergrund des bevorstehenden Renteneintritts der geburtenstarken Jahrgänge. Deshalb bitten wir unsere Mitgliedsbetriebe: Schreiben Sie Ausbildungsstellen verstärkt aus und nutzen Sie die Unterstützung der Agentur für Arbeit bei der Vermittlung geeigneter Bewerberinnen und Bewerber.“
Dieser Appell ist kein Ruf nach einem Kraftakt um jeden Preis. Er ist eine Einladung, genauer hinzusehen. Nicht jede Bewerbung passt auf Anhieb, nicht jeder Ausbildungsberuf ist bekannt, und nicht jede berufliche Entscheidung fällt geradlinig. Umso wichtiger ist es, Interessen, Talente und Stärken zusammenzubringen – und neben dem Wunschberuf auch verwandte Berufe und alternative Wege in den Blick zu nehmen.
Dabei können Unternehmen und Jugendliche auf Unterstützung bauen. Die Agenturen für Arbeit beraten, vermitteln und helfen dabei, passende Perspektiven zu finden. Ein besonders sinnvoller Weg kann die Einstiegsqualifizierung sein: In einem längerfristigen Praktikum lernen sich Betrieb und Talent im Alltag kennen. Jugendliche können fachliche und persönliche Kompetenzen entwickeln, verschiedene berufliche Möglichkeiten erproben und ihre Chancen auf einen Ausbildungsvertrag verbessern. Unternehmen gewinnen zugleich Zeit, um Potenziale zu erkennen – jenseits eines einzelnen Vorstellungsgesprächs und jenseits perfekter Bewerbungsunterlagen.
Dass die Zahl der interessierten Jugendlichen trotz des Ausfalls fast eines ganzen gymnasialen Jahrgangs stabil geblieben ist, ist ein gutes Zeichen. Die duale Ausbildung gewinnt spürbar an Attraktivität. Das ist auch ein Erfolg der gemeinsamen Arbeit von Wirtschaft, Kammern, freien Berufen, Handwerk und Bundesagentur für Arbeit.
Nun kommt es darauf an, aus Interesse konkrete Entscheidungen zu machen. Die Wirtschaft braucht junge Menschen. Junge Menschen brauchen Betriebe, die ihnen etwas zutrauen. Und Betriebe brauchen Unterstützung, wenn Ausbildung unter den Bedingungen der Transformation gelingen soll.
Düsseldorf lebt von Unternehmen, die Verantwortung übernehmen. Ein Ausbildungsplatz ist die sichtbarste Form dieser Verantwortung: Er sagt einem jungen Menschen, dass seine Zukunft nicht festgelegt ist – und einem Betrieb, dass er bereit ist, seine eigene Zukunft mitzugestalten.
Kurz vor dem 1. September ist deshalb noch vieles möglich. Ausbildungsplätze können besetzt, Kontakte geknüpft und Wege eröffnet werden. Unternehmen sollten ihre Stellen jetzt verstärkt ausschreiben und die Vermittlungsangebote der Agentur für Arbeit nutzen. Jugendliche sollten sich auch dann bewerben, wenn der perfekte Lebenslauf noch nicht existiert.
Die wichtigste Nachricht lautet: Der Ausbildungsmarkt ist nicht leer. Er ist voller ungenutzter Möglichkeiten. Man muss sie nur zusammenbringen.
