IAB-Studie zeigt: Viele Betriebe sind offen für Menschen ohne anerkannten Abschluss

Von Christoph Sochart

Der deutsche Arbeitsmarkt steckt in einem Widerspruch: Viele Unternehmen suchen dringend Beschäftigte. Gleichzeitig bleibt die internationale Rekrutierung für die große Mehrheit der Betriebe die Ausnahme. Allerdings gibt es Gründe für diese Entwicklung. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, kurz IAB.

Nach den Ergebnissen der IAB-Stellenerhebung wären 57 Prozent der deutschen Betriebe grundsätzlich bereit, Arbeitskräfte aus Staaten außerhalb der Europäischen Union auch ohne anerkannten Berufsabschluss einzustellen. Die Offenheit ist allerdings häufig an Bedingungen geknüpft. Berufserfahrung spielt eine wichtige Rolle: 24 Prozent der Betriebe würden Menschen ohne anerkannten Abschluss einstellen, wenn sie einschlägige praktische Erfahrung mitbringen. 19 Prozent wären dazu sogar uneingeschränkt bereit.

Die Realität bei der Rekrutierung aus dem Ausland sieht dennoch deutlich zurückhaltender aus. Im dritten Quartal 2025 gaben lediglich 4 Prozent aller befragten Betriebe an, in den vergangenen zwölf Monaten Arbeitskräfte aus sogenannten Drittstaaten eingestellt zu haben. Unter den Unternehmen, die aktiv nach Personal gesucht hatten, waren es 6 Prozent.

Was bedeutet „Drittstaaten“?

Der Begriff klingt komplizierter, als er ist: Als Drittstaaten werden in diesem Zusammenhang Länder außerhalb der Europäischen Union bezeichnet. Gemeint sind also Staaten, deren Bürgerinnen und Bürger nicht automatisch von der europäischen Arbeitnehmerfreizügigkeit profitieren.

Wer beispielsweise aus einem EU-Mitgliedstaat nach Deutschland kommt, kann grundsätzlich unter erleichterten Bedingungen hier arbeiten. Bei Menschen aus Ländern außerhalb der EU sind dagegen häufig zusätzliche Voraussetzungen zu erfüllen. Dazu können ein Visum, eine Arbeitserlaubnis, der Nachweis bestimmter Qualifikationen oder die Anerkennung eines ausländischen Abschlusses gehören. Auch Sprachkenntnisse und behördliche Verfahren spielen eine Rolle.

Für Düsseldorf dürfte die Grundtendenz ähnlich sein

Das IAB untersucht den deutschen Arbeitsmarkt insgesamt und weist in der Presseinformation keine gesonderten Zahlen für Düsseldorf aus. Trotzdem spricht vieles dafür, dass die grundsätzliche Situation in Düsseldorfer Betrieben ähnlich ist: Die Bereitschaft, Menschen mit praktischer Erfahrung auch ohne vollständig anerkannten Abschluss eine Chance zu geben, dürfte größer sein als die tatsächliche Zahl internationaler Einstellungen.

Düsseldorf ist ein internationaler Wirtschaftsstandort mit Unternehmen aus Handel, Industrie, Logistik, Dienstleistungen, Gesundheitswirtschaft und vielen weiteren Branchen. Gleichzeitig stehen auch die Betriebe in unserer Stadt vor der Aufgabe, offene Stellen zu besetzen und qualifizierte Beschäftigte zu gewinnen. Internationale Rekrutierung kann dabei ein wichtiger Baustein sein – sie ist aber kein Selbstläufer.

Gerade kleinere Unternehmen verfügen oft nicht über eigene Personalabteilungen, die sich um Visaverfahren, Anerkennungsfragen und die Integration neuer Beschäftigter kümmern können. Das zeigt sich auch in der bundesweiten IAB-Auswertung: Während nur 2 Prozent der Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten im zurückliegenden Jahr Arbeitskräfte aus Drittstaaten eingestellt hatten, waren es bei Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten 12 Prozent. Bei Betrieben mit mindestens 250 Beschäftigten lag der Anteil bei 16 Prozent.

Aber, für vieles gibt es vermutlich eine Lösung. So gibt es in unserer Stadt das Projekt „NRW integrativ“, dass Betriebe unterstützt bei der Suche nach einer passenden Mitarbeiter*in. Ansprechpartnerin ist Nurah Mazyek, erreichbar unter 0211.8926524 bzw. nurah.mazyek@duesseldorf.de. Informationen gibt es auch im Netz unter https://www.kim.nrw/kim-fuer-akteurinnen/wissensbereich-zum-kim/nrwintegrativ

Anerkennung und Sprache bleiben entscheidende Hürden

Als wichtigste Gründe gegen eine Rekrutierung aus Drittstaaten nennt das IAB Sprachbarrieren, Unsicherheit über die tatsächlichen Qualifikationen und die Zufriedenheit mit dem vorhandenen Arbeitskräfteangebot. Unternehmen, die bereits Erfahrung mit internationaler Rekrutierung haben, nennen zusätzlich behördliche Hürden und Schwierigkeiten bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse.

Das ist ein wichtiger Hinweis für die politische und wirtschaftliche Praxis. Mit einem neuen Gesetz allein ist es nicht getan. Wenn internationale Fachkräfte tatsächlich in Düsseldorfer Unternehmen ankommen sollen, braucht es verlässliche Verfahren, gute Beratung und Unterstützung im Betrieb. Dazu gehören vorbereitende Sprachförderung, eine betriebsnahe Qualifikationsberatung und klare Ansprechpartner für Unternehmen und Bewerber.

Dabei sollten wir den Begriff „Fachkraft“ nicht zu eng verstehen. Berufliche Erfahrung, Motivation und die Bereitschaft zu lernen können für einen Betrieb ebenso wertvoll sein wie ein bereits vollständig anerkanntes Zertifikat. Natürlich müssen Sicherheits- und Qualitätsanforderungen erfüllt werden. Aber nicht jede berufliche Kompetenz lässt sich auf den ersten Blick an einem deutschen Abschluss ablesen.

Düsseldorf braucht mehr Mut zur praktischen Lösung

Die IAB-Ergebnisse sind deshalb mehr als eine Momentaufnahme. Sie zeigen, dass viele Betriebe grundsätzlich bereit sind, neue Wege zu gehen. Was noch fehlt, sind einfachere Verfahren und mehr Unterstützung bei der Umsetzung.

Für Düsseldorfer Unternehmen lautet die entscheidende Frage nicht nur, ob sie Menschen aus Drittstaaten beschäftigen wollen. Sie lautet auch: Sind die Strukturen vorhanden, damit diese Beschäftigten erfolgreich im Betrieb ankommen können?

Die Antwort darauf wird maßgeblich darüber entscheiden, ob aus der grundsätzlichen Offenheit tatsächlich neue Beschäftigung entsteht. Internationale Rekrutierung braucht keine großen Versprechen, sondern funktionierende Abläufe: verständliche Informationen, schnelle Entscheidungen, gute Einarbeitung und eine Unternehmenskultur, in der unterschiedliche berufliche Wege als Stärke verstanden werden.

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Presseinformation vom 15. Oktober 2026: Mehrheit der Betriebe offen für Fachkräfte auch ohne anerkannten Abschluss – aber nur 4 Prozent rekrutieren aus Drittstaaten.