Konjunktur: Wir brauchen wieder unternehmerisches Vertrauen!

if-Präsident Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest

Die gute Nachricht zuerst: Die deutsche Wirtschaft kommt wieder in Bewegung. Die schlechte: Von einem kräftigen Comeback kann noch keine Rede sein. Zwischen Exportboom, Staatsgeld und struktureller Schwäche liegt eine ziemlich große Lücke.


Von Christoph Sochart


Es ist ein bemerkenswerter Moment. Jahrelang war Deutschland das Land, das wirtschaftspolitisch vor allem über Probleme sprach: Energiepreise, Bürokratie, Fachkräftemangel, schwache Industrie, sinkende Wettbewerbsfähigkeit. Nun liefern die Wirtschaftsforschungsinstitute plötzlich eine andere Vokabel: Erholung.

Das ifo Institut erwartet für Deutschland 2026 ein reales Wachstum von 1,4 Prozent, 2027 sollen weitere 1,2 Prozent hinzukommen. Das IWH kommt für 2026 ebenfalls auf 1,4 Prozent, ist für 2027 mit 0,8 Prozent allerdings deutlich vorsichtiger.

Das klingt nach Aufbruch.

Ist es aber nur zur Hälfte.

Denn die deutsche Wirtschaft wächst derzeit nicht aus eigener Kraft. Sie bekommt Rückenwind von außen – und Unterstützung von oben.

Rotlicht am Konjunkturbahnhof? Deutschlands Wirtschaft setzt wieder Signale auf Erholung – doch der Weg zurück auf Wachstum bleibt holprig. Foto: Christoph Sochart

Zwei Motoren ziehen Deutschland aus dem Tal

Der erste Motor heißt Weltwirtschaft.

Vor allem die steigende Auslandsnachfrage hilft der deutschen Industrie. Das IWH sieht darin einen wesentlichen Grund dafür, dass die deutsche Wirtschaft im ersten Halbjahr wieder auf Wachstumskurs gekommen ist. Die Exporte haben dabei eine zentrale Rolle gespielt.

Der zweite Motor heißt Staat.

Deutschland investiert wieder mehr. Infrastruktur, Verteidigung, Klimaneutralität – der Staat öffnet die finanziellen Schleusen. Das ifo Institut beziffert die zusätzlichen finanzpolitischen Impulse allein für 2026 auf knapp 40 Milliarden Euro. In den beiden Folgejahren sollen weitere 27 beziehungsweise 18 Milliarden Euro hinzukommen.

Man könnte es auch nüchterner formulieren:

Die Konjunktur bekommt Anschubhilfe aus Washington, Peking und Berlin.

Das ist zunächst einmal gut. Eine Volkswirtschaft muss nicht aus Prinzip leiden, wenn der Staat investiert und die Weltwirtschaft Nachfrage erzeugt.

Doch die entscheidende Frage lautet:

Was passiert, wenn einer dieser beiden Motoren ausfällt?

Die Industrie bleibt der Prüfstein

Hier liegt der eigentliche Kern der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Die Industrie war jahrzehntelang das Kraftzentrum des deutschen Geschäftsmodells. Nun gibt es dort erste Lichtblicke. Das ifo Institut berichtet von einer seit Jahresbeginn verbesserten Auftragslage und zuletzt deutlich besseren Exporterwartungen.

Das ist wichtig.

Denn eine Volkswirtschaft kann sich nicht dauerhaft gesundrechnen.

Sie braucht Unternehmen, die investieren. Menschen, die arbeiten. Produkte, die international gefragt sind. Und Geschäftsmodelle, die auch ohne staatliche Unterstützung funktionieren.

Genau hier bleibt das IWH skeptisch. Die aktuelle Erholung sei weiterhin stark von der Auslandsnachfrage abhängig. Und diese kann schnell wieder schwächer werden. Hinzu kommt das Risiko, dass deutsche Anbieter international weiter an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Das ist die unbequeme Wahrheit hinter den schönen Wachstumszahlen.

1,4 Prozent Wachstum sind erfreulich. Aber 1,4 Prozent Wachstum sind noch kein neues deutsches Geschäftsmodell.

Der Staat kann Nachfrage schaffen. Wettbewerbsfähigkeit nicht.

Die Bundesregierung kann Straßen bauen lassen. Sie kann Brücken finanzieren. Sie kann Verteidigungsausgaben erhöhen. Sie kann Investitionen anschieben.

Was sie nicht per Haushaltsbeschluss erzeugen kann, ist ein Unternehmen, das auf dem Weltmarkt dauerhaft konkurrenzfähig ist.

Dafür braucht es andere Dinge: niedrigere Kosten, verlässliche Energie, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, Innovation, Kapital und vor allem eine höhere Produktivität.

Genau deshalb sollte man die aktuelle Erholung nicht mit einer Rückkehr zur alten Normalität verwechseln.

Deutschland ist wieder unterwegs. Aber wir wissen noch nicht, wohin.

Und dann ist da noch der Arbeitsmarkt

Auch hier lohnt sich ein zweiter Blick.

Die Erholung der Wirtschaft wird sich nach Einschätzung des ifo Instituts zunächst kaum auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen. 2026 dürfte die Zahl der Erwerbstätigen im Jahresdurchschnitt sogar noch sinken. Erst 2027 und 2028 wird wieder mit einem Beschäftigungsaufbau gerechnet.

Das ist ein bemerkenswertes Detail.

Denn normalerweise gilt: Wirtschaft wächst, Unternehmen verdienen mehr, Beschäftigung steigt.

Diesmal läuft die Geschichte komplizierter.

Produktivität, Automatisierung, demografischer Wandel und strukturelle Veränderungen sorgen dafür, dass Wachstum nicht automatisch neue Arbeitsplätze produziert.

Der deutsche Arbeitsmarkt wird damit zum nächsten großen Test.

Die Inflation ist noch nicht besiegt

Auch die Verbraucher bekommen vom neuen Optimismus nicht sofort viel zu spüren.

Das ifo Institut erwartet für 2026 eine Inflationsrate von 2,8 Prozent und für 2027 sogar 3,0 Prozent. Erst 2028 soll sich die Teuerung mit 2,3 Prozent wieder stärker dem Ziel der Europäischen Zentralbank annähern.

Das bedeutet: Selbst wenn die Wirtschaft wächst, bleibt die Kaufkraft unter Druck.

Und damit wird aus der schönen Überschrift „Aufschwung“ schnell eine kompliziertere Geschichte.

Wachstum ja. Wohlstandsgefühl noch nicht unbedingt.

Das größte Risiko kommt von außen

Die beiden Institute benennen einen gemeinsamen Unsicherheitsfaktor: die Energiepreise und die geopolitische Lage.

Das IWH warnt insbesondere vor einer neuen Energiekrise. Europa bleibt beim Erdgas stark auf Importe angewiesen, während die Lagerbestände vergleichsweise niedrig sind. Gleichzeitig hängt die deutsche Erholung stark von der internationalen Nachfrage ab.

Das ifo Institut sieht ebenfalls erhebliche Risiken durch die Energiepreise und die geopolitischen Konflikte. Hinzu kommt das historische Niedrigwasser auf wichtigen deutschen Flüssen, das die Logistik und damit Teile der Produktion belastet.

Deutschland hat also wieder Rückenwind.

Aber es fährt gleichzeitig durch eine ziemlich unruhige Wetterzone.

Die neue deutsche Realität

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft dieser Prognosen.

Deutschland steckt nicht mehr tief in der Rezession.

Aber Deutschland ist auch noch nicht zurück.

Die Wirtschaft erholt sich. Die Industrie zeigt erste Lebenszeichen. Die Weltwirtschaft hilft. Der Staat investiert.

Und trotzdem bleiben die strukturellen Fragen ungelöst.

Wie wird Deutschland wieder produktiver?
Wie wird Energie wieder wettbewerbsfähig?
Wie gewinnt die Industrie verlorene Märkte zurück?
Wie bekommen Unternehmen wieder mehr Planungssicherheit?
Und wie schafft es der Staat, aus seinen Investitionen langfristig privates Wachstum entstehen zu lassen?

Das sind die Fragen, die über den nächsten Konjunkturzyklus hinausreichen.

Die aktuelle Prognose liefert deshalb eine gute Nachricht – aber keinen Freibrief.

Deutschland hat die Talsohle offenbar verlassen. Jetzt muss es beweisen, dass es auch wieder bergauf gehen kann.

Und dafür reicht Staatsgeld allein nicht.

Dafür braucht es wieder etwas, das in Deutschland zuletzt knapp geworden ist:

unternehmerisches Vertrauen.