Krieg und Krise: Deutsche Chemieindustrie rutscht tiefer ins Tal

Wolfgang Große Entrup. Foto: VCI

(cs) Der Krieg im Nahen Osten verschärft die ohnehin angespannte Lage der deutschen Chemieindustrie. Wegen der großen Unsicherheiten durch den Konflikt hat der Branchenverband Verband der Chemischen Industrie (VCI) seine Prognose für das laufende Jahr zurückgezogen. Besonders die möglichen Folgen einer Blockade der Straße von Hormus sorgen für Alarmstimmung in der Branche.

Die deutsche Chemie steckt bereits seit längerem in einer tiefen Krise. Produktion, Preise und Umsätze sind zuletzt erneut gesunken. Zwar sorgten einzelne Großaufträge zum Jahresende 2025 bei einigen Industriekunden für eine leichte Belebung. In der Chemie selbst setzte sich der Abwärtstrend jedoch fort. Die Kapazitätsauslastung der Anlagen blieb deutlich unter der Rentabilitätsschwelle.

Pharma stabilisiert die Branche

Ein Lichtblick kommt aus der Pharmasparte. Während die Chemieproduktion weiter zurückging, legte die Pharmaindustrie deutlich zu und stabilisierte damit das Gesamtbild der Branche.

Im vierten Quartal 2025 stieg die Produktion von Chemie und Pharma insgesamt um 0,9 Prozent. Das lag allerdings vor allem an der starken Entwicklung bei Medikamenten. Die reine Chemieproduktion sank im gleichen Zeitraum um 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und verharrt damit auf niedrigem Niveau.

Im Gesamtjahr 2025 ging die Produktion der Branche um 0,5 Prozent zurück. Dabei schrumpfte die Chemiesparte um 3,3 Prozent, während die Pharmaindustrie ein Plus von 4,5 Prozent verzeichnete.

Preise und Nachfrage unter Druck

Auch auf der Preisseite bleibt die Situation schwierig. Die Erzeugerpreise der Branche lagen im vierten Quartal 2025 im Durchschnitt 0,6 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Besonders Chemikalien verbilligten sich – vor allem wegen des wachsenden Importdrucks aus dem Ausland.

Gleichzeitig kämpfen deutsche Hersteller mit vergleichsweise hohen Produktionskosten. Das schwächt ihre Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Geschäft.

Der Branchenumsatz ging ebenfalls zurück. Im vierten Quartal 2025 sank er gegenüber dem Vorquartal um 0,6 Prozent auf 51,8 Milliarden Euro. Das entspricht einem Minus von 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Vor allem das Inlandsgeschäft schwächelte: Die Erlöse im deutschen Markt fielen saisonbereinigt auf 18,9 Milliarden Euro – ein Rückgang von 2,3 Prozent. Im Auslandsgeschäft gab es zwar eine leichte Erholung gegenüber dem Vorquartal, doch auch dort lagen die Umsätze weiterhin unter dem Vorjahresniveau.

Insgesamt setzte die Branche 2025 rund 220 Milliarden Euro um. Das sind 1,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Während die Chemiesparte ein Minus von 3,8 Prozent verbuchte, legte Pharma um 5,5 Prozent zu.

Sorge vor Rohstoffengpässen

Zusätzliche Risiken entstehen durch den Konflikt im Nahen Osten. Eine mögliche Blockade der Straße von Hormus könnte nicht nur die Energieversorgung beeinträchtigen, sondern auch die Versorgung mit wichtigen Rohstoffen.

Die Industrie befürchtet Engpässe etwa bei Ammoniak, Phosphat, Helium oder Schwefel – alles Stoffe, die für zahlreiche chemische Prozesse unverzichtbar sind. Erste Hinweise auf Störungen internationaler Lieferketten gibt es bereits.

„Unterirdische Jahresbilanz“

Der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes, Wolfgang Große Entrup, findet deutliche Worte. Die Jahresbilanz der Chemie sei „unterirdisch“. Produktion, Umsatz und Preise lägen im roten Bereich.

Viele Unternehmen hätten nach dem Regierungswechsel auf spürbare wirtschaftspolitische Impulse gehofft. Diese seien bislang jedoch kaum in den Betrieben angekommen. Der Frust über langsame Reformen sei groß.

Trendwende nicht in Sicht

Eine schnelle Erholung der Branche ist derzeit nicht absehbar. Die schwache Industriekonjunktur, steigender Importdruck und intensiver Preiswettbewerb belasten weiterhin das Geschäft.

Der Krieg im Nahen Osten verschärft die Lage zusätzlich. Je länger der Konflikt andauert, desto größer werden die Risiken für Energiepreise, Rohstoffversorgung und globale Lieferketten.

Für viele Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Planungssicherheit gibt es kaum noch. Statt langfristiger Strategien fahren zahlreiche Betriebe inzwischen auf Sicht.