NRW vor einer harten Metall-Tarifrunde: Jetzt zählt die Wettbewerbsfähigkeit

Lena zeigt das neue Informationsmaterial zur neuen Tarifrunde. Foto: Christoph Sochart
Von Christoph Sochart
Die nordrhein-westfälische Metall- und Elektroindustrie steht vor einer schwierigen Tarifrunde. Am 31. Oktober läuft der Tarifvertrag für die Beschäftigten aus. Die erste Verhandlungsrunde in Nordrhein-Westfalen ist für den 7. Oktober angesetzt. Ab dem 1. November wären Warnstreiks möglich.
Die Ausgangslage ist angespannt. Jeden Monat gehen in der Branche rund 2.000 Arbeitsplätze verloren. Allein im ersten Halbjahr 2026 waren es nach Angaben von METALL NRW durchschnittlich 2.454 Stellen pro Monat. Die Zahl der Beschäftigten ist in Nordrhein-Westfalen inzwischen auf rund 643.000 gesunken. In den 1970er-Jahren arbeiteten noch mehr als eine Million Menschen in der Branche.
Es geht dabei nicht nur um Arbeitsplätze. Es geht um industrielle Wertschöpfung, um gut bezahlte Beschäftigung und um die Zukunft zahlreicher Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
„Die Lage ist schwierig“
In einem Journalistengespräch mit Arnd Kirchhoff, das in der Rheinischen Post dokumentiert wurde, beschrieb der Präsident von METALL NRW die Situation deutlich: Deutschland verzeichne seit sieben Jahren kein Wachstum. Die nordrhein-westfälische Metall- und Elektroindustrie befinde sich in einer anhaltenden Schwächephase.
Das aktuelle Produktionsniveau liegt demnach rund 27 Prozent unter dem Vorkrisenniveau von 2018. Die Umsätze der Branche bewegen sich gerade einmal auf dem Niveau von vor sieben Jahren. Auch zusätzliche Aufträge, etwa aus dem Rüstungsbereich, haben bislang keine breit angelegte Erholung der Produktion ausgelöst.
Die Ursachen sind vielfältig: Auf die Corona-Pandemie folgten der russische Angriff auf die Ukraine, die Energie- und Gaskrise sowie weitere geopolitische Spannungen. Gleichzeitig sind die Kosten an deutschen Produktionsstandorten erheblich gestiegen.
Arnd Kirchhoff machte in dem von der Rheinischen Post dokumentierten Journalistengespräch deutlich, dass sich die hohen Kosten deutscher Standorte auf dem Weltmarkt vielfach nicht mehr verdienen lassen. Das ist eine Aussage, die weit über die aktuelle Tarifrunde hinausweist.
Unternehmen sehen Standortbedingungen zunehmend kritisch
Wie ernst die Unternehmen die Lage beurteilen, zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage von Gesamtmetall. In Nordrhein-Westfalen bewerten 55 Prozent der befragten Unternehmen ihre Geschäftslage als schlecht. Bundesweit liegt dieser Wert bei 42 Prozent.
Auch die Erwartungen für 2026 sind zurückhaltend:
- 92 Prozent der NRW-Unternehmen rechnen nicht mit einer Verbesserung ihrer Geschäftslage.
- 71 Prozent sehen derzeit keine absehbare Normalisierung.
- 47 Prozent erwarten einen weiteren Beschäftigungsabbau.
- Nur 8 Prozent rechnen mit einem Aufbau von Arbeitsplätzen.
- 51 Prozent wollen ihre Investitionen im Jahr 2026 reduzieren.
Hinzu kommt der wachsende Verlagerungsdruck. 26 Prozent der NRW-Unternehmen bauen im Ausland Arbeitsplätze auf oder planen entsprechende Schritte. Besonders betroffen sind die Bereiche Produktion und Fertigung, aber auch IT sowie Forschung und Entwicklung.
Arnd Kirchhoff bezeichnete diese Entwicklung in dem Journalistengespräch mit der Rheinischen Post als ein absolutes Warnsignal. Wenn Unternehmen den Standort deutlich schlechter bewerten als noch vor zehn Jahren, müsse allen Beteiligten klar sein, dass grundlegende Veränderungen notwendig seien.
Arbeitskosten, Energie und Bürokratie bremsen
Die Unternehmen benennen die größten Standortprobleme sehr konkret. In Nordrhein-Westfalen sehen 72 Prozent der Betriebe bei den Arbeitskosten den größten Handlungsbedarf. Es folgen die Energiekosten mit 67 Prozent, der Bürokratieaufwand mit 62 Prozent und die fehlende Planbarkeit mit 59 Prozent.
Diese Reihenfolge ist bemerkenswert. Sie zeigt, dass die aktuelle Debatte nicht auf einen einzelnen Kostenfaktor reduziert werden kann. Es geht um das Zusammenspiel aus Löhnen, Energie, Regulierung, Steuern, Abgaben und politischen Rahmenbedingungen.
Die IG Metall verweist demgegenüber darauf, dass in den Automobilwerken die Personalkosten nur einen Teil der Gesamtkosten ausmachen. Das ist ein wichtiger Hinweis. Zugleich gilt aber auch: Für arbeitsintensive Zulieferer und viele mittelständische Betriebe können die Arbeitskosten eine deutlich größere Rolle spielen als für große, stark automatisierte Produktionsstandorte.
Die Wahrheit liegt deshalb nicht in einfachen Schuldzuweisungen. Die Tarifparteien müssen die unterschiedlichen Realitäten innerhalb der Branche berücksichtigen.
Tarifrunde mit unterschiedlichen Erwartungen
Die IG Metall dürfte eine Lohnforderung von etwa sechs Prozent beschließen. Gewerkschaftsvertreter verweisen auf eine weiterhin hohe Auslastung in Teilen der Industrie. Nach einer Betriebsräte-Befragung registrieren 63 Prozent der Befragten in den Branchen der IG Metall eine gute oder sehr gute Kapazitätsauslastung.
Insbesondere der sonstige Fahrzeugbau – dazu zählen unter anderem Schiffe, Schienenfahrzeuge und Flugzeuge – sowie die Elektrotechnik entwickeln sich teilweise positiv.
Diese Perspektive muss in die Gespräche einbezogen werden. Gleichzeitig darf die Lage einzelner gut ausgelasteter Bereiche nicht mit der Situation der gesamten Metall- und Elektroindustrie gleichgesetzt werden. Zwischen Unternehmen, Branchen und Regionen gibt es erhebliche Unterschiede.
Genau deshalb ist die Forderung nach mehr Flexibilität so wichtig. Arnd Kirchhoff sagte laut dem in der Rheinischen Post dokumentierten Journalistengespräch, die Arbeitgeber verlangten keine generelle Erhöhung der Arbeitszeit. Notwendig sei aber mehr Flexibilität, weil das, was für einen Betrieb sinnvoll sei, für einen anderen zum Problem werden könne.
Einheitliche Lösungen helfen nicht jedem Betrieb
Die Tarifpolitik muss stärker auf die unterschiedlichen Bedingungen der Unternehmen reagieren. Ein international tätiger Großkonzern hat andere Möglichkeiten als ein mittelständischer Zulieferer. Ein Unternehmen mit hoher Auslastung braucht andere Regelungen als ein Betrieb, der mit Auftragseinbrüchen, Kurzarbeit oder Produktionsverlagerungen kämpft.
Mehr betriebliche Spielräume könnten helfen, Beschäftigung zu sichern und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Dazu gehören flexible Arbeitszeitmodelle, differenzierte Lösungen bei Sonderzahlungen und Vereinbarungen, die die wirtschaftliche Situation einzelner Unternehmen besser berücksichtigen.
Das bedeutet nicht, dass Tarifverträge an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Gerade in schwierigen Zeiten braucht es verlässliche Regeln. Diese Regeln müssen aber ausreichend Spielraum lassen, damit Unternehmen auf unterschiedliche Marktbedingungen reagieren können.
Wettbewerbsfähigkeit darf kein Randthema sein
Arnd Kirchhoff hat in dem Journalistengespräch mit der Rheinischen Post außerdem betont, dass Politik und Sozialpartner dringend gemeinsam handeln müssten. Ziel müsse es sein, die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Industriestandorte zu stärken.
Dazu braucht es aus meiner Sicht mehrere Schritte:
- Energie muss wieder planbarer und bezahlbarer werden.
Investitionen in Deutschland benötigen verlässliche Rahmenbedingungen und international wettbewerbsfähige Energiepreise. - Bürokratie muss spürbar reduziert werden.
Unternehmen brauchen mehr Zeit für Innovation, Ausbildung und Produktion – und weniger Zeit für komplizierte Nachweis- und Berichtspflichten. - Investitionen müssen sich wieder lohnen.
Wer in Deutschland modernisieren, digitalisieren und klimafreundlich produzieren will, braucht Planungssicherheit. - Tarifverträge müssen unterschiedliche Unternehmenslagen abbilden können.
Mehr Flexibilität kann helfen, Beschäftigung zu sichern und Verlagerungen zu vermeiden. - Politik und Sozialpartner müssen schneller entscheiden.
Die wirtschaftliche Realität verändert sich schneller, als politische Prozesse häufig reagieren.
Sozialpartnerschaft ist jetzt besonders gefordert
Die kommende Tarifrunde wird schwierig. Sie wird möglicherweise auch kontrovers geführt werden. Das gehört zu einer funktionierenden Sozialpartnerschaft. Entscheidend ist aber, dass die Verhandlungen nicht ausschließlich als Verteilungskampf verstanden werden.
Es geht um die Frage, wie die industrielle Basis in Nordrhein-Westfalen erhalten und modernisiert werden kann. Es geht um Einkommen, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit. Diese Ziele stehen nicht grundsätzlich gegeneinander. Sie lassen sich aber nur erreichen, wenn die wirtschaftliche Realität berücksichtigt wird.
Die Unternehmen brauchen qualifizierte und motivierte Beschäftigte. Die Beschäftigten brauchen sichere Arbeitsplätze und faire Einkommen. Der Standort braucht Investitionen und Innovationen. Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, müssen beide Seiten Verantwortung übernehmen.
Jetzt muss alles Priorität haben, was Wachstum schafft
Nordrhein-Westfalen ist ein Industrieland. Maschinenbau, Metallverarbeitung, Fahrzeugtechnik, Elektrotechnik und zahlreiche Zulieferbranchen prägen unseren Wohlstand. Wenn hier Arbeitsplätze verloren gehen, verschwinden nicht nur einzelne Stellen. Es gehen Know-how, Wertschöpfung und Zukunftschancen verloren.
Die Warnungen von METALL NRW sollten deshalb ernst genommen werden. Das gilt ebenso für die Anliegen der Beschäftigten und der IG Metall. Die anstehende Tarifrunde bietet die Chance, beides zusammenzubringen: faire und verlässliche Arbeitsbedingungen auf der einen Seite sowie mehr Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit auf der anderen.
Das in der Rheinischen Post dokumentierte Journalistengespräch mit Arnd Kirchhoff zeigt deutlich, wie groß der Handlungsdruck inzwischen ist. Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften müssen gemeinsam dafür sorgen, dass aus der aktuellen Talfahrt kein dauerhafter Verlust industrieller Substanz wird.
NRW braucht keine Tarifrunde, die Gewinner und Verlierer produziert. NRW braucht eine Tarifrunde, die Beschäftigung sichert, Investitionen ermöglicht und den Industriestandort wieder wettbewerbsfähiger macht.
Quelle
Grundlage dieses Beitrags sind die vorliegenden Informationen von METALL NRW sowie die Berichterstattung der Rheinischen Post über ein Journalistengespräch mit Arnd Kirchhoff, Präsident des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen.
