Tarifkonflikte spitzen sich zu: Zähe Verhandlungen im Großhandel, Eskalation im Einzelhandel – schwierige Vorzeichen für die Metallindustrie

Lena, Mitarbeiterin der Arbeitgeberverbände in Düsseldorf, schaut sich das neue Infomaterial im Rahmen der kommenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie an. Foto: Christoph Sochart
(cs) Die Tariflandschaft in Deutschland bleibt angespannt. Während im nordrhein-westfälischen Groß- und Außenhandel auch die vierte Verhandlungsrunde ohne Ergebnis endete, verschärft sich der Konflikt im Einzelhandel erheblich. Gleichzeitig richten sich die Blicke bereits auf die anstehenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie, die vor dem Hintergrund eines anhaltenden Beschäftigungsabbaus unter besonders schwierigen wirtschaftlichen Vorzeichen beginnen werden.
Groß- und Außenhandel NRW: Annäherung ohne Abschluss
In Düsseldorf kamen Arbeitgeber und Gewerkschaft zur vierten Tarifverhandlung für den Groß- und Außenhandel in Nordrhein-Westfalen zusammen. Beide Tarifparteien stiegen zügig in rund vierstündige Sondierungsgespräche ein, um Möglichkeiten für einen Tarifabschluss auszuloten.
Trotz intensiver Bemühungen beider Seiten konnte jedoch keine Einigung erzielt werden. Nach Angaben der Arbeitgeber verliefen die Gespräche in einer sachlichen, ruhigen und konstruktiven Atmosphäre. Ein gemeinsames Ergebnis sei jedoch an den weiterhin deutlich auseinanderliegenden Positionen gescheitert.
Aus Sicht der Arbeitgeber hält die Gewerkschaft ver.di unverändert an Entgelterhöhungen fest, deren finanzielles Volumen angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage für die Unternehmen nicht tragbar sei. Der nächste Verhandlungstermin wurde für den 31. August 2026 vereinbart.
Einzelhandel: Verhandlungen ausgesetzt, Streits eskalieren
Noch deutlich konfliktgeladener präsentiert sich die Lage im Einzelhandel. Die Arbeitgeber haben die laufenden Tarifverhandlungen in Bayern, Rheinland-Pfalz, dem Saarland sowie Berlin-Brandenburg vorerst abgesagt.
Als Begründung führen sie an, der ver.di-Bundesvorstand habe eine zuvor in Baden-Württemberg erzielte Verständigung unterlaufen. „Unter diesen Voraussetzungen sehen wir derzeit keine Grundlage für zielführende Verhandlungen in Bayern“, erklärte Verbandssprecher Bernd Ohlmann.
Ver.di weist diesen Vorwurf zurück. Eine Sprecherin betonte, es gebe keinen entsprechenden Beschluss des Bundesvorstands. Zudem sei der in Baden-Württemberg erreichte Sondierungsstand aus Sicht der Gewerkschaft nicht ausreichend, um in den Tarifgebieten zu einem Abschluss zu kommen.
Der bayerische ver.di-Verhandlungsführer Thomas Gürlebeck sprach von einem „Skandal“ und kündigte eine Ausweitung der Warnstreiks an. Bereits in den vergangenen Wochen hatten bundesweit zahlreiche Beschäftigte die Arbeit zeitweise niedergelegt.
Inhaltlich liegen beide Seiten ebenfalls noch deutlich auseinander. Ver.di fordert eine Entgelterhöhung von sieben Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Die Arbeitgeber bieten bislang 3,5 Prozent bei einer Laufzeit von 24 Monaten an. Sie verweisen darauf, bereits in der zweiten Verhandlungsrunde ein deutlich verbessertes Angebot vorgelegt zu haben, um ihre Bereitschaft zu einem Tarifabschluss trotz der historisch schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Branche zu unterstreichen.
Metall- und Elektroindustrie: Tarifrunde vor schwieriger Ausgangslage
Mit Sorge blickt die Industrie zudem auf die im Frühherbst beginnende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich zuletzt weiter verschlechtert.
Nach den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren im Mai 2026 noch 3,736 Millionen Menschen in der Metall- und Elektroindustrie beschäftigt. Das sind 100.800 Beschäftigte beziehungsweise 2,6 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Saisonbereinigt gingen gegenüber April weitere 5.700 Arbeitsplätze verloren. Damit setzt sich der Beschäftigungsabbau seit nahezu zweieinhalb Jahren ununterbrochen fort.
Seit 2019 hat die Branche insgesamt rund 327.000 Arbeitsplätze verloren – ein Rückgang um acht Prozent. Gleichzeitig ist die Produktion im selben Zeitraum um rund 15 Prozent gesunken.
Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander bezeichnete die Entwicklung als dramatisch. Jeder verlorene Arbeitsplatz bedeute weniger Wohlstand, geringere Zukunftsperspektiven, sinkende Steuereinnahmen und zusätzlichen Druck auf die Sozialversicherungen. Ursache seien vor allem hohe Standortkosten und übermäßige Bürokratie, die Investitionen in Deutschland zunehmend unattraktiv machten. Zander forderte deshalb umfassende Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland.
Tarifherbst mit hohem Konfliktpotenzial
Die Entwicklungen in den verschiedenen Branchen zeigen ein einheitliches Bild: Gewerkschaften verweisen auf den Nachholbedarf bei den Einkommen und fordern deutliche Lohnsteigerungen, während Arbeitgeber angesichts einer schwachen Konjunktur, hoher Kosten und rückläufiger Beschäftigung vor einer Überforderung der Unternehmen warnen.
Ob im Groß- und Außenhandel, im Einzelhandel oder in der Metall- und Elektroindustrie – die Tarifauseinandersetzungen dürften die Arbeitsbeziehungen in den kommenden Monaten maßgeblich prägen. Vieles spricht dafür, dass der Tarifherbst 2026 zu den konfliktträchtigsten der vergangenen Jahre werden könnte.
