Tarifverhandlungen in der chemischen Industrie: der Zeitdruck steigt!

Matthias Bürk Foto: Ivgenia Möbus
(cs) Die Chemie-Tarifrunde steuert auf eine entscheidende Phase zu – doch eine Lösung ist weiter nicht in Sicht. Auch die zweite bundesweite Verhandlungsrunde ist ohne Ergebnis geblieben. Für rund 1.700 Betriebe mit etwa 585.000 Beschäftigten bedeutet das: Verlängerung statt Abschluss. Während die Branche mit hohen Energiekosten, Produktionsrückgängen und Stellenabbau ringt, prallen die Vorstellungen von Arbeitgebern und Gewerkschaft hart aufeinander. Die nächste Chance auf einen Durchbruch bietet sich am 24. und 25. März im rheinland-pfälzischen Bad Breisig – dann geht der Tarifkonflikt in die dritte Runde.
Die Auseinandersetzung zwischen dem Arbeitgeberverband Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und der Gewerkschaft Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) steht unter schwierigen Vorzeichen. Die Chemie- und Pharmabranche – nach Automobil- und Maschinenbau die drittgrößte Industriebranche Deutschlands – kämpft mit hohen Energiekosten, schwacher Nachfrage und anhaltendem Wettbewerbsdruck.
Arbeitgeber fordern „Atempause“
Aus Sicht der Arbeitgeber haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. BAVC-Verhandlungsführer Matthias Bürk spricht von einer Branche im Krisenmodus: Nach einem Produktionseinbruch von rund 20 Prozent, historisch niedriger Auslastung und Stellenabbau gebe es „keine Zuwächse, die wir verteilen können“. Stattdessen gehe es darum, die Lasten der Krise fair zu verteilen.
Mit dem Tarifabschluss 2024 seien die Unternehmen bereits in Vorleistung gegangen. Nun brauche es eine „tarifpolitische Atempause“, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu stärken. Ein „Weiter so“ sei angesichts der wirtschaftlichen Lage keine Option. Man werde jedoch weiter konstruktiv an einem Kompromiss arbeiten.
BAVC-Verhandlungsführer Matthias Bürk: „In der Industrie haben sich die Rahmenbedingungen für Tarifpolitik fundamental verändert. Anders als über Jahrzehnte gewohnt, gibt es derzeit keine Zuwächse, die wir verteilen können. Im Gegenteil: Im Zentrum der Verhandlungen steht, wie wir die Lasten der Krise fair verteilen. Nachdem die Arbeitgeber mit dem Tarifabschluss 2024 massiv in Vorleistung gegangen sind, ist es nun vor allem an der IGBCE, sich zu bewegen. Die Unternehmen brauchen jetzt eine tarifpolitische Atempause, um sich so gut wie möglich neu aufzustellen.“
Gewerkschaft pocht auf Kaufkraft und Jobsicherheit
Die IGBCE weist das Arbeitgeberangebot als unzureichend zurück. Es sei „noch zu weit von den Sorgen und der Lebensrealität der Beschäftigten entfernt“, erklärte IGBCE-Verhandlungsführer Oliver Heinrich. Die Gewerkschaft fordert eine spürbare Erhöhung der Einkommen für Tarifbeschäftigte und Auszubildende sowie verbindliche Instrumente zur Beschäftigungssicherung.
Branche zwischen Krise und Gewinnzonen
Die wirtschaftliche Lage der Branche ist gespalten. Während Teile der Pharmaindustrie wachsen, leidet die klassische Chemieproduktion unter hohen Energiepreisen und schwacher Industriekonjunktur. Große Unternehmen haben Sparprogramme aufgelegt und Stellenabbau angekündigt, teilweise wurden Anlagen geschlossen.
Nach Angaben des Branchenverbands Verband der Chemischen Industrie (VCI) setzte die Chemie- und Pharmaindustrie 2025 rund 220 Milliarden Euro um. Doch die Zahlen verdecken die strukturellen Probleme in energieintensiven Bereichen. Bürk betont: „Wir müssen weiter verhandeln, um den Graben von beiden Seiten zuzuschütten. Am Ende brauchen wir einen Tarifabschluss, mit dem unsere Branche wettbewerbsfähiger wird.“ Nun gelte es, kühlen Kopf zu bewahren. „Wir werden weiter konstruktiv an einem Kompromiss arbeiten. Beide Seiten sind in der Pflicht, für Fortschritte in den Verhandlungen zu sorgen.“
Graben bei Kernfrage der Wettbewerbsfähigkeit
Im Kern dreht sich der Konflikt um die Frage, welchen Beitrag die Tarifparteien zur Wiedergewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit leisten sollen. Die Arbeitgeber setzen auf Lohnzurückhaltung und flexible Lösungen. Die Gewerkschaft verweist auf profitable Teilbranchen und geplante Dividenden und fordert eine Beteiligung der Beschäftigten an wirtschaftlichen Erfolgen.
Ob in Bad Breisig der Durchbruch gelingt? Klar ist: Die Tarifrunde 2026 wird zur Richtungsentscheidung für einen Industriezweig, der zwischen Transformationsdruck und globalem Wettbewerb um seine Zukunft ringt. Der aktuelle Tarifvertrag läuft Ende Februar aus – der Zeitdruck steigt.
