Warum Deutschlands Erfolgsmodell jetzt ins Wanken gerät

Jahresdurchschnittliche reale Veränderung der globalen Wirtschaftsleistung und der deutschen Warenexporte in Prozent

(cs) Jahrzehntelang war Deutschland ein Paradebeispiel für die Gewinner der Globalisierung. Offene Märkte, stabile Lieferketten und eine wachsende Weltwirtschaft sorgten dafür, dass „Made in Germany“ rund um den Globus gefragt war. Doch dieses Erfolgsmodell steht heute vor einer seiner größten Herausforderungen, informiert uns das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Abschied von der alten Globalisierungslogik

Mit Export- und Importquoten von jeweils rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zählt Deutschland zu den am stärksten verflochtenen Volkswirtschaften weltweit. Der Wohlstand des Landes hängt damit direkt an offenen Märkten und einer lebendigen globalen Nachfrage.

Doch genau dieses Fundament beginnt zu bröckeln. Während in den 1980er- bis 2000er-Jahren der Welthandel schneller wuchs als die globale Wirtschaftsleistung, hat sich dieses Verhältnis inzwischen umgekehrt. Ökonomen sprechen von einer Deglobalisierung: Staaten setzen wieder stärker auf nationale Produktion, strategische Unabhängigkeit und kürzere Lieferketten.

Für Deutschland ist das eine schlechte Nachricht.

Exporte verlieren den Anschluss

Besonders alarmierend: Ein lange verlässliches Muster funktioniert nicht mehr. Über Jahrzehnte entwickelten sich deutsche Exporte im Gleichklang mit der weltweiten Nachfrage. Doch seit 2022 ist diese Verbindung gestört.

Obwohl die globalen Importe leicht wachsen, gehen die deutschen Ausfuhren zurück. Das ist ein deutliches Warnsignal – und hat mehrere Ursachen.

China zieht davon

Ein zentraler Faktor ist die Verschiebung der globalen Produktionsstrukturen. Deutschlands Anteil an der weltweiten Industrieproduktion ist auf rund fünf Prozent gesunken – etwa halb so viel wie in den 1990er-Jahren.

Gleichzeitig hat sich China zur dominierenden Industrienation entwickelt: Rund 30 Prozent der globalen Industrieproduktion entfallen inzwischen auf die Volksrepublik. Insgesamt wird etwa die Hälfte aller Industriegüter in Asien hergestellt.

Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Mehr Konkurrenz, weniger Marktanteile.

Hohe Kosten bremsen die Wettbewerbsfähigkeit

Ein weiteres Problem sind die hohen Standortkosten. Deutschland zählt bei Arbeits-, Energie- und Steuerkosten zu den teuersten Industriestandorten weltweit. Zwar ist die Produktivität hoch, doch sie reicht oft nicht aus, um diese Kosten vollständig auszugleichen.

Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland bei den Kostenbedingungen entsprechend schlecht ab – ein klarer Wettbewerbsnachteil im globalen Wettbewerb.

Neue Handelsblöcke entstehen

Hinzu kommt eine zunehmende geopolitische Fragmentierung. Handelsbeziehungen orientieren sich immer stärker an politischen Interessen. Länder bilden wirtschaftliche Allianzen, während Spannungen zwischen großen Machtblöcken zunehmen.

Das trifft auch Deutschland: Der Handel mit geopolitisch „entfernteren“ Staaten geht zurück. Zwar gewinnt der Austausch innerhalb der EU an Bedeutung, doch er kann die Verluste bislang nicht kompensieren.

Ein Modell auf dem Prüfstand

Deutschland steht damit vor einem strukturellen Wandel. Das exportgetriebene Wachstumsmodell, das über Jahrzehnte Wohlstand gesichert hat, gerät zunehmend unter Druck.

Die entscheidende Frage lautet nun: Wie kann sich die deutsche Wirtschaft an eine Welt anpassen, in der Globalisierung nicht mehr selbstverständlich ist?

Klar ist: Ohne Reformen bei Kosten, Innovation und internationalen Handelsstrategien dürfte es für die Exportnation Deutschland schwierig werden, an vergangene Erfolge anzuknüpfen.

Quelle: IW Köln