Bürokratie: Das größte Standortproblem liegt auf dem Tisch – Was eine neue ifo-Umfrage für Unternehmen in Düsseldorf bedeutet

Von Christoph Sochart

Eigentlich wissen wir das alles schon. Die Betriebe in Düsseldorf berichten uns tagtäglich davon. Doch nun haben wir es erneut schwarz auf weiß: Bürokratie und Regulierung sind für die Hälfte der deutschen Unternehmen das größte Problem des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Das ist das Ergebnis einer Sonderauswertung der ifo Konjunkturumfrage. Im Juli 2026 wurden Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen gefragt, welche derzeit die größten Probleme des Standorts Deutschland für ihren Betrieb sind. 4.449 Unternehmen antworteten auf die offene Frage. Das Ergebnis ist eindeutig: 50 Prozent nannten Bürokratie und Regulierung als größtes Standortproblem. Mit deutlichem Abstand folgten die Energiekosten mit 27 Prozent und die Arbeitskosten mit 22 Prozent.

Für uns als Unternehmerschaft Düsseldorf ist diese Zahl keine Überraschung. Sie bestätigt vielmehr, was wir aus Gesprächen mit Unternehmen, aus Veranstaltungen und aus dem täglichen Austausch mit unseren Mitgliedern kennen. Bürokratie ist längst kein abstraktes Thema mehr. Sie bindet Zeit, Personal und Geld – und sie bremst Entscheidungen, Investitionen und Wachstum.

Bürokratie kostet mehr als Arbeitszeit

Der ifo-Forscher Klaus Wohlrabe beschreibt zwei Wirkungen des bürokratischen Aufwands. Erstens bindet er Personal, das an anderer Stelle fehlt. Beschäftigte müssen Formulare ausfüllen, Nachweise erstellen, Dokumentationen pflegen und unterschiedliche Vorgaben prüfen. Diese Zeit fehlt dann für Kunden, Produkte, Innovation und die eigentliche Wertschöpfung.

Zweitens kann Bürokratie Investitionen verhindern. Wenn der Genehmigungs- und Dokumentationsaufwand so groß wird, dass sich ein Vorhaben wirtschaftlich nicht mehr rechnet, wird es möglicherweise gar nicht erst begonnen. Genau dieser Effekt ist besonders problematisch: Er taucht in keiner Statistik auf, weil die Investition, der neue Standort oder die geplante Erweiterung nie Realität wird. ifo Institut

Das ist der entscheidende Punkt. Bürokratie verursacht nicht nur sichtbare Kosten. Sie erzeugt auch unsichtbare Kosten durch unterlassene Entscheidungen. Unternehmen verzichten auf Projekte, verschieben Erweiterungen, reduzieren Investitionen oder verlagern Aktivitäten dorthin, wo Verfahren schneller und planbarer sind.

Größere Unternehmen besonders stark betroffen

Die Belastung verteilt sich nicht gleichmäßig. Bei großen Unternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten nannten 59 Prozent Bürokratie als größtes Standortproblem. Bei mittleren Unternehmen waren es 58 Prozent, bei kleinen Unternehmen 50 Prozent. Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden kamen auf 41 Prozent, Solo-Selbständige auf 33 Prozent. ifo Institut

Das bedeutet nicht, dass kleine Betriebe keine Bürokratie erleben. Im Gegenteil: Für einen kleinen Betrieb kann bereits ein einzelnes kompliziertes Verfahren eine erhebliche Belastung darstellen. Größere Unternehmen sind jedoch oft gleichzeitig von mehreren Regelwerken betroffen – etwa vom Arbeitsrecht, von Berichtspflichten, dem Datenschutz, Umweltauflagen, Lieferkettenanforderungen und Genehmigungsverfahren.

Mit wachsender Unternehmensgröße greifen viele dieser Pflichten gleichzeitig. Die Organisation wird dadurch nicht automatisch effizienter. Häufig müssen zusätzliche Stellen geschaffen werden, die sich ausschließlich mit Verwaltung, Nachweisen und Compliance beschäftigen.

Je nach Branche sieht die Belastung anders aus

Auch zwischen den Wirtschaftsbereichen gibt es Unterschiede. In der Industrie nannten 39 Prozent der befragten Unternehmen die Energiekosten als Standortproblem. Im Dienstleistungssektor lag dieser Anteil bei 17 Prozent.

Das Baugewerbe verwies überdurchschnittlich häufig auf fehlende Fachkräfte. 29 Prozent nannten diesen Punkt. 13 Prozent kritisierten langwierige Genehmigungsverfahren. Im Handel stand dagegen die schwache Nachfrage stärker im Vordergrund: 25 Prozent nannten die allgemeine Wirtschafts- und Auftragslage als Problem. ifo Institut

Diese Unterschiede sind wichtig. Sie zeigen, dass es keine einzelne Maßnahme geben kann, die alle Probleme löst. Unternehmen brauchen je nach Branche unterschiedliche Entlastungen. Für einen Industriebetrieb stehen Energiepreise und Genehmigungen im Mittelpunkt. Für ein Bauunternehmen zählt, wie schnell ein Projekt genehmigt werden kann. Für den Handel ist die Nachfrage entscheidend.

Bürokratie betrifft allerdings alle – und sie verstärkt viele dieser Probleme. Sie macht Energieprojekte langsamer, Bauvorhaben komplizierter und Investitionen unsicherer.

Warum die Umfrage besonders aussagekräftig ist

Die ifo-Erhebung hatte keine vorgegebenen Antwortkategorien. Die Unternehmen konnten frei formulieren, was sie aktuell als größtes Standortproblem empfinden. Die Antworten wurden anschließend festen Themenfeldern zugeordnet. Mehrfachnennungen waren möglich, deshalb summieren sich die Anteile auf mehr als 100 Prozent.

Diese Methodik ist aussagekräftig, weil sie den Unternehmen nicht vorgibt, worüber sie sprechen sollen. Sie zeigt, welche Themen tatsächlich aus Sicht der Betriebe im Vordergrund stehen. Dass Bürokratie und Regulierung dabei von der Hälfte der Unternehmen genannt werden, ist ein deutlicher Befund.

Neben den drei größten Problemfeldern nannten die Unternehmen außerdem den Fachkräftemangel mit 17 Prozent, politische Rahmenbedingungen mit 16 Prozent, Steuern und Abgaben mit 13 Prozent sowie fehlende Planungssicherheit ebenfalls mit 13 Prozent. ifo Institut

Was jetzt geschehen muss

Die Debatte über Bürokratie darf nicht bei allgemeinen Absichtserklärungen stehen bleiben. Unternehmen brauchen konkrete Entlastung. Dazu gehören aus meiner Sicht fünf Punkte:

  1. Regeln müssen verständlicher werden. Unternehmen müssen schnell erkennen können, welche Anforderungen für sie gelten und wie sie diese erfüllen.
  2. Genehmigungen müssen schneller erfolgen. Lange Verfahren blockieren Investitionen und machen Projekte unkalkulierbar.
  3. Berichtspflichten müssen reduziert werden. Was bereits an einer Stelle dokumentiert wurde, darf nicht mehrfach in unterschiedlichen Formaten abgefragt werden.
  4. Vorgaben müssen praxistauglich sein. Neue Regeln sollten vor ihrer Einführung darauf geprüft werden, was sie im Arbeitsalltag eines kleinen, mittleren oder großen Unternehmens tatsächlich auslösen.
  5. Politische Entscheidungen müssen planbarer werden. Investitionen brauchen Verlässlichkeit über mehrere Jahre – nicht ständig neue Anforderungen und kurzfristige Änderungen.

Digitalisierung kann dabei helfen. Sie ersetzt aber keine Vereinfachung. Ein kompliziertes Verfahren wird nicht automatisch besser, nur weil es online angeboten wird. Ein digitalisiertes Formular bleibt belastend, wenn die zugrunde liegende Regel unnötig kompliziert ist.

Düsseldorf braucht Tempo und Verlässlichkeit

Düsseldorf ist ein starker Wirtschaftsstandort mit einer vielfältigen Unternehmenslandschaft. Hier sitzen internationale Konzerne, innovative Mittelständler, Handwerksbetriebe, Start-ups, Dienstleister und Solo-Selbständige. Sie alle tragen zur wirtschaftlichen Stärke unserer Stadt bei.

Damit das so bleibt, müssen Unternehmen ihre Energie in Wertschöpfung und Innovation investieren können – nicht in vermeidbare Verwaltung. Die Stadt, das Land und der Bund sind deshalb gleichermaßen gefordert, Verfahren zu beschleunigen, Zuständigkeiten zu klären und Regelungen konsequent auf ihre Notwendigkeit zu prüfen.

Wir sollten dabei nicht nur fragen, welche neue Vorschrift noch eingeführt werden kann. Wir sollten ebenso fragen, welche alte Vorschrift entfallen, vereinfacht oder zusammengeführt werden kann.

Mein Fazit: Die Diagnose ist klar

Eigentlich wissen wir das alles schon. Die Betriebe in Düsseldorf berichten uns tagtäglich davon. Aber die neue ifo-Auswertung macht aus vielen einzelnen Erfahrungen ein klares Gesamtbild: Bürokratie und Regulierung sind kein Randthema. Sie gehören zum größten Standortproblem der deutschen Wirtschaft.

Jetzt geht es darum, aus der Diagnose Konsequenzen zu ziehen. Weniger Bürokratie bedeutet nicht weniger Verantwortung. Es bedeutet bessere, klarere und wirksamere Regeln. Es bedeutet mehr Zeit für Beschäftigte, Kunden, Innovation und Investitionen.

Deutschland und Düsseldorf haben starke Unternehmen, engagierte Menschen und große Ideen. Was wir brauchen, sind Rahmenbedingungen, die diese Stärken nicht ausbremsen.

Die Unternehmen haben ihre Rückmeldung längst gegeben. Jetzt muss die Politik daraus handeln.

Quelle

ifo Institut: „Jedes zweite Unternehmen sieht Bürokratie als größtes Standortproblem“, 21. September 2026. Die Angaben beruhen auf einer Sonderfrage der ifo Konjunkturumfrage vom Juli 2026 mit 4.449 ausgewerteten Antworten.

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