ME-Tarifrunde 2026: Die Industrie braucht jetzt einen realistischen Kurs

Arnd Kirchhoff Foto: METALL NRW
Von Christoph Sochart
Die nordrhein-westfälischen Metallarbeitgeber haben die Forderung der IG Metall NRW nach Einkommensverbesserungen von fünf Prozent als „eindeutig zu hoch und völlig unrealistisch“ zurückgewiesen. Aus Sicht von METALL NRW wird die anstehende Tarifrunde 2026 unter Bedingungen geführt, die sich grundlegend von vielen früheren Verhandlungen unterscheiden.
Die Metall- und Elektroindustrie befindet sich nach Einschätzung des Verbandes in der schwersten Strukturkrise seit Bestehen der Bundesrepublik. Es geht deshalb nicht nur um die Höhe eines Tarifabschlusses. Es geht um die Zukunft industrieller Wertschöpfung, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und um die Frage, wie Beschäftigung in Nordrhein-Westfalen gesichert werden kann.
Produktion und Beschäftigung deutlich zurückgegangen
METALL-NRW-Präsident Arndt G. Kirchhoff verwies auf die Entwicklung der vergangenen Jahre: Seit 2018 ist die Produktion der nordrhein-westfälischen Metall- und Elektroindustrie um 27 Prozent zurückgegangen. Die Beschäftigung ist im selben Zeitraum um zehn Prozent gesunken.
Der Personalabbau droht sich weiter zu beschleunigen. Mittlerweile verliert der größte Industriezweig des Landes nach Angaben von METALL NRW Monat für Monat rund 2.500 Arbeitsplätze.
Diese Zahlen zeigen, dass die aktuelle Situation nicht allein mit konjunkturellen Schwankungen erklärt werden kann. Viele Unternehmen stehen vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. Geschäftsmodelle verändern sich, internationale Wettbewerber gewinnen an Stärke und die Kosten am deutschen Industriestandort sind erheblich gestiegen.
Kirchhoff spricht deshalb von einer fortschreitenden De-Industrialisierung in nahezu allen Metall- und Elektrobranchen Nordrhein-Westfalens. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: „Deshalb ist die Tarifrunde 2026 auch keine Tarifrunde wie viele andere zuvor.“
Hoher Kostendruck belastet die Unternehmen
Ein wesentlicher Kostenfaktor sind die Arbeitskosten. Nach Angaben von METALL NRW liegt der Lohnkostenanteil am Umsatz – je nach Betrieb und Branche – im Mittel zwischen 20 und 30 Prozent.
Diese Werte sind insbesondere für arbeitsintensive Unternehmen und viele Zulieferer von Bedeutung. Sie stehen nicht nur im Wettbewerb mit anderen deutschen oder europäischen Standorten, sondern mit Unternehmen auf der ganzen Welt. Wenn Kosten dauerhaft schneller steigen als Produktivität und Nachfrage, geraten Investitionen und Arbeitsplätze unter Druck.
Arndt G. Kirchhoff betont daher, die hohen Arbeitskosten seien eine wesentliche Ursache für die massive Wettbewerbsschwäche der Unternehmen am Industriestandort Nordrhein-Westfalen. Als Tarifvertragsparteien müssten Arbeitgeber und Gewerkschaften ihren Beitrag dazu leisten, den erheblichen Kostendruck zu senken.
Das ist keine Absage an faire und verlässliche Einkommen. Es ist vielmehr der Hinweis, dass Tarifpolitik immer auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Unternehmen berücksichtigen muss. Ein Tarifabschluss, der einzelne Betriebe überfordert, gefährdet am Ende genau jene Arbeitsplätze, die er eigentlich absichern soll.
Fünf Prozent passen nicht zur wirtschaftlichen Realität
Vor diesem Hintergrund hält METALL NRW die Forderung der IG Metall nach fünf Prozent mehr Einkommen für nicht umsetzbar. Eine auch nur annähernde Umsetzung würde nach Einschätzung des Verbandes den bereits beschleunigten Personalabbau weiter verschärfen.
Die Arbeitgeber stehen damit vor einem schwierigen Spagat: Sie müssen qualifizierte Beschäftigte gewinnen und halten, gleichzeitig aber ihre Kosten im internationalen Wettbewerb unter Kontrolle bringen. Gerade in einer Strukturkrise können pauschale Lösungen zu kurz greifen.
Die wirtschaftliche Lage ist zudem nicht in allen Unternehmen und Branchen gleich. Es gibt Betriebe mit stabiler Auslastung und guten Perspektiven. Andere kämpfen mit Auftragseinbrüchen, hohen Energiepreisen, steigender Bürokratie, Investitionszurückhaltung und einem wachsenden Verlagerungsdruck.
Tarifpolitische Lösungen müssen diese Unterschiede berücksichtigen. Was für ein wirtschaftlich starkes Unternehmen tragfähig sein kann, kann für einen mittelständischen Zulieferer bereits zu einer existenziellen Belastung werden.
Zukunft des Flächentarifs steht auf dem Prüfstand
Die Tarifrunde 2026 ist nach Einschätzung von METALL NRW auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie über die Akzeptanz und damit über die Zukunft des Flächentarifvertrags mitentscheiden kann.
Der Flächentarif bietet grundsätzlich wichtige Vorteile: Er schafft verlässliche Rahmenbedingungen, verhindert einen Wettbewerb über schlechtere Arbeitsbedingungen und erleichtert Unternehmen wie Beschäftigten die Planung. Damit dieses Modell dauerhaft funktioniert, muss es jedoch wirtschaftlich anschlussfähig bleiben.
Wenn Tarifabschlüsse die Realität der Unternehmen dauerhaft ignorieren, drohen Ausweichbewegungen. Unternehmen könnten stärker auf individuelle Regelungen setzen, tarifgebundene Strukturen verlassen oder Investitionen an andere Standorte verlagern. Das wäre weder im Interesse der Arbeitgeber noch der Beschäftigten.
Die IG Metall müsse sich dieser Verantwortung bewusst sein, betont Kirchhoff. Die Mitgliedsunternehmen von METALL NRW blickten sehr angespannt auf die Tarifverhandlungen und erwarteten einen Abschluss, der die richtigen tarifpolitischen Antworten auf die strukturelle Industriekrise gibt.
Re-Industrialisierung muss gemeinsames Ziel sein
Die Tarifparteien stehen deshalb vor einer gemeinsamen Aufgabe. Ihr Ziel sollte nicht darin bestehen, kurzfristig möglichst viel für die jeweils eigene Seite durchzusetzen. Entscheidend ist vielmehr, wie industrielle Wertschöpfung in Nordrhein-Westfalen gehalten und wieder ausgebaut werden kann.
„Gemeinsames Ziel von Gewerkschaften und Arbeitgebern muss eine Re-Industrialisierung unseres Landes und der Stopp des Abbaus von Arbeitsplätzen sein“, erklärt Arndt G. Kirchhoff.
Eine solche Re-Industrialisierung braucht mehrere Voraussetzungen:
- wettbewerbsfähige Energie- und Arbeitskosten,
- mehr Investitions- und Planungssicherheit,
- schnellere Genehmigungsverfahren,
- weniger bürokratische Belastungen,
- verlässliche politische Rahmenbedingungen,
- eine moderne und flexible Tarifpolitik,
- sowie die Bereitschaft, in Qualifizierung und Innovation zu investieren.
Tarifpolitik kann nicht alle Standortprobleme lösen. Sie kann aber dazu beitragen, den Unternehmen Luft für Investitionen zu verschaffen und Beschäftigung zu sichern. Gerade in einer tiefgreifenden Transformation ist Flexibilität ein wichtiger Faktor.
Verantwortung auf beiden Seiten
Die Arbeitgeber wissen, dass Beschäftigte in Zeiten hoher Lebenshaltungskosten berechtigte Erwartungen haben. Ebenso klar ist aber: Tarifpolitik muss sich an dem orientieren, was Unternehmen dauerhaft erwirtschaften können. Werden die Kostenstrukturen weiter verschärft, ohne die Produktivität und die Nachfrage zu berücksichtigen, steigt der Druck auf Arbeitsplätze und Standorte.
Die bevorstehenden Verhandlungen sollten deshalb von Verantwortungsbewusstsein und Realismus geprägt sein. Arbeitgeber und Gewerkschaften müssen die schwierige Lage offen benennen und gemeinsam nach Lösungen suchen, die auch über den Tarifabschluss hinaus Bestand haben.
Diese Tarifrunde braucht Augenmaß
Die Forderung nach fünf Prozent mehr Einkommen ist aus Sicht von METALL NRW angesichts der aktuellen Lage nicht realistisch. Die Metall- und Elektroindustrie Nordrhein-Westfalens befindet sich in einer historischen Strukturkrise. Produktion und Beschäftigung sind seit 2018 deutlich zurückgegangen, während viele Unternehmen mit hohen Kosten und wachsendem internationalem Wettbewerbsdruck kämpfen.
Die Tarifrunde 2026 ist daher tatsächlich keine Tarifrunde wie viele andere zuvor. Sie ist eine Bewährungsprobe für die Sozialpartnerschaft und für die Zukunft des Flächentarifs.
Ein guter Tarifabschluss muss fair, aber auch wirtschaftlich tragfähig sein. Er muss die Beschäftigten berücksichtigen, ohne die Unternehmen weiter zu überfordern. Vor allem aber muss er dazu beitragen, Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen zu sichern und den Weg für neue Investitionen zu öffnen.
Die Industrie braucht jetzt keinen weiteren Kostenschub, sondern einen realistischen Kurs für Beschäftigung, Investitionen und Re-Industrialisierung.
Quelle
Grundlage dieses Beitrags sind die vorliegenden Informationen von METALL NRW zur Tarifrunde 2026 und zur Forderung der IG Metall NRW.
