Der Handy-Knigge der Deutschen: Wir wissen es besser – und machen es trotzdem
Von Christoph Sochart
Ich gebe es zu: Auch ich habe heute Morgen zum Smartphone gegriffen, bevor der Kaffee richtig durchgelaufen war. Nur kurz, nur die Nachrichten. Und genau deshalb hat mich die neue Umfrage von Vodafone so gefesselt. Sie zeigt, wie klar wir Deutschen die Grenzen ziehen. Und wie wenig wir sie manchmal selbst einhalten.
Civey hat im Auftrag des Düsseldorfer Telekommunikations-Unternehmen Vodafone 2.500 Handy-Nutzerinnen und -Nutzer befragt. Die Ergebnisse sind repräsentativ. Man kann sie also nicht als Laune eines Montagmorgens abtun.
Das Ergebnis ist eindeutig. Rund 70 Prozent der Befragten finden es unhöflich, während eines persönlichen Gesprächs zum Handy zu greifen. Beim gemeinsamen Essen stört der Blick aufs Display 63 Prozent. Das Abendessen ist also heilig, zumindest in der Vorstellung der Deutschen.
Beim ersten Date sehen wir es lockerer. Nur vier von zehn halten das Smartphone für unpassend. Im Schlafzimmer wird es noch gelassener: Nur jeder Fünfte stört es, wenn der Partner zum Handy greift. Man könnte sagen, die Deutschen sind im Bett toleranter als am Esstisch. Das ist eine bemerkenswerte Rangfolge menschlicher Prioritäten.
Mich beeindruckt vor allem die Ehrlichkeit der Zahlen über uns selbst. 17 Prozent schauen beim Essen gelegentlich aufs Display. Neun Prozent tun es auch während eines Gesprächs. Und fast 80 Prozent lassen das eigene Handy bewusst liegen, wenn sie neben dem Partner liegen. Das ist kein Zynismus, das ist Selbstbeherrschung. Und ein bisschen Wunschdenken, denn die anderen 20 Prozent kennen wir ja alle.
Besonders nachdenklich macht mich ein Detail: Frauen greifen im Bett häufiger zum Smartphone als Männer, 25 gegenüber 17 Prozent. Ob das an Gewohnheiten, Lebensrhythmen oder schlicht an Geschmack liegt, verrät die Umfrage nicht. Wer aber ehrlich ist, weiß, dass hier keine Seite die moralische Oberhand hat.
Was lerne ich daraus? Die Frage ist nicht, ob das Smartphone stört. Sie lautet: Wann stört es? Wir Deutschen haben intuitiv verstanden, dass Aufmerksamkeit ein Geschenk ist. Wer beim Essen oder im Gespräch auf das Display schaut, verschenkt dieses Geschenk. Und wer es annimmt, zeigt Respekt.
Als Unternehmer und als Christoph Sochart, der mit Unternehmerschaft Düsseldorf täglich mit Menschen spricht, kann ich das aus eigener Erfahrung bestätigen. Die besten Gespräche in meinem Netzwerk entstehen, wenn das Telefon umgedreht auf dem Tisch liegt. Die Ideen kommen nicht vom Bildschirm, sondern vom Gegenüber.
Dass ausgerechnet Vodafone, ein Düsseldorfer Unternehmen, dieses Thema so offen aufgreift, verdient Anerkennung. Ein Telekommunikationskonzern, der seine Kunden an den Feierabend und den Esstisch erinnert, zeigt Haltung. Das ist mutig, und es ist sympathisch.
Vielleicht ist der beste Handy-Knigge daher gar kein Regelwerk. Es ist eine kleine Entscheidung im Moment: Das Gegenüber geht vor. Probieren Sie es heute Abend aus. Legen Sie das Telefon beim Essen einfach außer Reichweite. Ich verspreche Ihnen: Das Gespräch wird besser, und das Essen schmeckt intensiver.

