ElectronicPartner und Terra Robotics bringen Servicerobotik aus dem Showroom in den Fachmarkt

Vorstand Matthias Assmann Foto: ElectronicPartner

Roboter sind längst unter uns. Sie reinigen Flughäfen, sortieren Waren, unterstützen in Fabriken und übernehmen Aufgaben, bei denen Präzision und Ausdauer gefragt sind. Trotzdem bleibt Robotik für viele Menschen eine Technologie aus der Ferne: sichtbar auf Messen, in Produktvideos oder hinter den Türen spezialisierter Unternehmen.


Von Christoph Sochart


Das Düsseldorfer Unternehmen ElectronicPartner und Terra Robotics wollen das ändern. Ihr gemeinsames Pilotprojekt bei MEDIMAX in Berlin-Pankow bringt professionelle Servicerobotik dorthin, wo Kunden ohnehin unterwegs sind: in den stationären Handel. ElectronicPartner ist ein Mitgliedsunternehmen der Unternehmerschaft Düsseldorf.

Pünktlich zur IFA 2026 entsteht in dem Berliner Fachmarkt ein kompaktes Shop-in-Shop-Konzept. Es geht dabei ausdrücklich nicht um einen klassischen Verkaufsstore. Im Mittelpunkt steht eine Technologie, die man nicht nur erklären, sondern erleben muss.

Denn ein Reinigungsroboter bleibt abstrakt, solange man nur über Quadratmeterleistungen spricht. Ein Empfangsroboter bleibt eine Kuriosität, solange er lediglich auf einer Messe seine Runden dreht. Erst im Alltag wird aus Technik eine konkrete Frage: Was könnte dieses System in meinem Unternehmen leisten?

Raus aus der Messehalle, hinein in den Alltag

Genau an diesem Punkt setzt das Pilotprojekt an. Besucher können unterschiedliche Robotik-Lösungen in einem realen Handelsumfeld kennenlernen, ihre Funktionsweise beobachten und sich über konkrete Einsatzmöglichkeiten informieren.

Zum Start werden drei Systeme gezeigt, die bereits heute professionell eingesetzt werden: ein autonomer Reinigungsroboter für größere Flächen, ein Empfangsroboter für Gastronomie, Hotellerie und Handel sowie ein intelligenter Kehrroboter für Industrie- und Gewerbeanwendungen.

Das ist eine bewusste Auswahl. Sie zeigt Robotik nicht als futuristische Spielerei, sondern als Werkzeug für Aufgaben, die in Unternehmen jeden Tag anfallen. Böden reinigen. Gäste empfangen. Flächen kehren. Arbeit wird dort automatisiert, wo sie wiederkehrend, körperlich belastend oder schwer planbar ist.

Der stationäre Fachhandel wird damit zum Übersetzer zwischen Technologie und Lebenswirklichkeit. Er zeigt nicht nur, was ein Roboter kann. Er hilft bei der entscheidenden Anschlussfrage: Passt das zu meinem Betrieb?

Vertrauen entsteht nicht per Produktvideo

Gerade bei neuen Technologien ist die persönliche Begegnung ein Wettbewerbsvorteil. Unternehmer wollen wissen, ob ein System mit den eigenen Räumlichkeiten zurechtkommt, wie es sich in bestehende Abläufe integrieren lässt und wer im Fall einer Störung erreichbar ist. Kunden wiederum möchten verstehen, ob Robotik den Menschen ersetzt – oder ob sie ihn von Aufgaben entlastet, für die sich oft nur schwer Personal finden lässt.

Solche Fragen beantwortet kein Prospekt vollständig. Dafür braucht es Demonstration, Beratung und Erfahrung. Das Pilotprojekt soll deshalb nicht nur Produkte präsentieren, sondern Erkenntnisse liefern: Welche Lösungen wecken besonderes Interesse? Welche Fragen stellen Besucher? Wie hoch ist der Beratungsbedarf? Und welche Voraussetzungen müssen Händler erfüllen, wenn sie Robotik als neues Geschäftsfeld anbieten wollen?

Matthias Assmann, Vorstand von ElectronicPartner, beschreibt den Anspruch des Projekts so: „Mit dem Pilotprojekt machen wir Servicerobotik für unsere Mitglieder und Interessenten unmittelbar erlebbar. Für uns ist das ein wichtiger Schritt, um gemeinsam mit starken Partnern ein neues Geschäftsfeld mit einer nachhaltigen Wertschöpfung für den Fachhandel aufzubauen.“

Das ist der ökonomisch interessante Teil der Geschichte. Der Fachhandel verkauft nicht einfach eine weitere Produktkategorie. Er kann eine neue Rolle übernehmen: als regionaler Ansprechpartner für Beratung, Auswahl, Einführung und perspektivisch auch Service.

Ein neues Geschäftsfeld braucht Nähe

MEDIMAX ist die Franchisefachmarkt-Linie von ElectronicPartner und steht für hochwertige Produkte und umfassende Beratung. Der Markt in Berlin-Pankow ist zunächst Pilotfläche und Referenz für weitere Standorte. Die Erfahrungen aus dem täglichen Betrieb sollen in die Weiterentwicklung des Konzepts einfließen.

Diese Nähe zum Kunden ist für Robotik entscheidend. Ein Unternehmen, das über die Anschaffung eines Serviceroboters nachdenkt, braucht meist keine technische Vorlesung. Es braucht jemanden, der die eigene Situation versteht: die Größe der Fläche, die Arbeitszeiten, die Besucherfrequenz, die Anforderungen an Hygiene und Sicherheit und die Frage, ob sich die Investition rechnet.

Terra Robotics begleitet das Projekt als Technologie- und Lösungspartner und bringt Erfahrungen aus unterschiedlichen Robotik- und Automatisierungsprojekten ein. Geschäftsführer Murat Arpaci formuliert den Grundgedanken: „Die Technologie muss sichtbar und regional verfügbar werden, wenn wir daraus einen echten Markt entwickeln wollen. Der Fachhandel bietet dafür ideale Voraussetzungen: Nähe zum Kunden, persönliche Beratung und bestehende Service-Strukturen.“

Das ist mehr als eine Vertriebsstrategie. Es ist eine Marktthese: Robotik wird sich nicht allein deshalb durchsetzen, weil die Systeme leistungsfähig sind. Sie wird sich dort durchsetzen, wo Menschen ihren praktischen Nutzen verstehen und Vertrauen in die Umsetzung entwickeln.

Berlin ist der Anfang, nicht das Ziel

Die Projektpartner planen bereits die Ausdehnung auf weitere Standorte. „Berlin ist für uns der sichtbare Startpunkt, aber nicht das Ende des Projekts“, sagt Henning Lohmann, Director Business Development Robotics bei ElectronicPartner Österreich. Bis zum Jahresende soll ein flächendeckendes Netzwerk aufgebaut werden, das Kunden regionalen Zugang zu Beratung, Demonstration, Vertrieb und perspektivisch auch Service ermöglicht.

Damit würde Robotik aus der Logik des Einzelprojekts herauskommen. Heute ein Roboter beim Kunden, morgen vielleicht eine regionale Struktur, die Unternehmen auf dem Weg von der ersten Idee bis zum laufenden Betrieb begleitet.

Das ist wichtig, weil Automatisierung selten mit dem Kauf eines Geräts endet. Sie beginnt dort erst richtig. Prozesse müssen angepasst, Mitarbeiter eingebunden und Erwartungen realistisch gesetzt werden. Ein guter Händler ist in diesem Modell nicht bloß Verkäufer, sondern Kümmerer – und manchmal auch Dolmetscher zwischen den Sprachen von Technik und Betriebsalltag.

Der Roboter als Nachbar

Die IFA bietet für den Start den passenden Rahmen. Im MEDIMAX Fachmarkt Berlin-Pankow wird die Pilotfläche rund um die Messetage installiert. Auf dem IFA-Stand von ElectronicPartner im CityCube präsentiert Terra Robotics ausgewählte Systeme live.

Für interessierte Fachhändler ist außerdem ein rund zweistündiger Robotik-Rundgang zu relevanten Herstellern geplant. Der Rundgang konzentriert sich bewusst auf Marken, die tatsächlich über Terra bezogen werden können. Das macht das Format praktisch: weniger Zukunftsschau, mehr Orientierung für konkrete Geschäftsentscheidungen.

Wer tiefer einsteigen möchte, kann am 9. und 10. September beim Open House von Terra Robotics und comTeam in Löhne weitere Eindrücke sammeln. Mitglieder der Verbundgruppe können dort Reinigungs-, Service- und Empfangsroboter live erleben, sich über Marktchancen und Erlösmodelle informieren und ein persönliches Ankündigungsvideo für die Kundenansprache erstellen.

Der eigentliche Wert des Projekts wird sich aber nicht in den großen Messehallen entscheiden. Er entscheidet sich im täglichen Betrieb des Fachmarkts. Bleiben Besucher stehen? Stellen sie Fragen? Entstehen daraus Gespräche mit Gewerbekunden? Werden aus Gesprächen erste Anwendungen und aus ersten Anwendungen tragfähige Geschäftsmodelle?

Das sind die nüchternen Fragen hinter der sichtbaren Innovation. Und gerade deshalb ist der Ansatz überzeugend. Robotik wird nicht als ferne Zukunft verkauft, sondern als Gegenstand einer ganz normalen Beratung – neben Fernsehern, Haushaltsgeräten und Netzwerktechnik.

Vielleicht ist das der Moment, in dem eine Technologie erwachsen wird: wenn sie nicht mehr nur bestaunt, sondern in den Alltag eingeordnet wird.

ElectronicPartner und Terra Robotics setzen dafür auf einen bemerkenswert bodenständigen Weg. Sie bauen keinen Tempel der Zukunft. Sie stellen Roboter in einen Fachmarkt und warten ab, was passiert.

Manchmal beginnt Fortschritt genau so: nicht mit einer großen Ansage, sondern mit einer offenen Tür.