Expertin: Betrieb sollten eine Unternehmenskultur leben, in denen psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden – zur Aktionswoche „Seelische Gesundheit“

Psychologin Lara Luisa Eder, Master of Science, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Vom 10. bis 20. Oktober 2023 setzt sich die Aktionswoche unter dem Motto „Zusammen der Angst das Gewicht nehmen” mit dem Thema Ängste in Krisenzeiten auseinander. unternehmerschaft.de sprach mit der Psychologin, Führungskräfteentwicklerin und Wissenschaftlerin Lara Luisa Eder über die Herausforderungen in unseren Betrieben. Sie forscht seit mehreren Jahre zum Thema mentale Gesundheit in der Arbeitswelt. Sie ist selbstständig und begleitet Unternehmen mit Führungskräfte-Entwicklungs-Programmen. Ihre Motivation: „Unsere Arbeitswelten gesund und mutig gestalten, damit sich Potenziale entfalten.“ Mit Frau Eder führen wir im kommenden Jahr eine mehrteilige innovative Workshopreihe zum Thema „Change-Fitness für Ihr Unternehmen“ mit spannenden Formaten durch. Seien Sie gespannt!

Christoph Sochart:

Die Aktionswoche für Seelische Gesundheit hat das Motto „Zusammen der Angst das Gewicht nehmen“. Was können Betriebe und Beschäftigte konkret im betrieblichen Kontext tun, um Unterstützung zu leisten?

Lara Luisa Eder:

Damit Hilfe im Falle von Problemen oder gar psychischen Erkrankungen von Mitarbeitenden in Anspruch genommen werden kann, ist es wichtig, als Betrieb eine Unternehmenskultur zu leben, in denen psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden – wir brauchen ein Umfeld in dem wir uns sicher genug fühlen, uns auch mit dieser Facette zeigen zu dürfen. Dabei spielen vor allem Führungskräfte eine entscheidende Rolle. Denn: wenn sie für den Umgang mit psychisch beanspruchten Mitarbeitenden sensibilisiert sind, können sie frühzeitig ein Gesprächsangebot schaffen. Gemeinsam können dann Unterstützungsmöglichkeiten identifiziert werden. Zusätzlich stützt natürlich auch ein von Vertrauen und Fürsorge getragenes Team!

Wenn wir nicht nur an die Abwesenheit von Krankheit denken, sondern langfristig die Gesundheit fördern wollen, ist es vor allem notwendig eine ganzheitliche Strategie als Unternehmen zu entwickeln, in denen sowohl die individuellen Ressourcen der Mitarbeitenden gestärkt, als auch die Arbeitsbedingungen gesundheitsförderlich gestaltet werden – wir also den Präventionsgedanken leben!

Christoph Sochart:

Stichwort Prävention – was können Betriebe und Beschäftigte denn tun, um die psychische Gesundheit zu fördern?

Lara Luisa Eder:

Betriebe können dazu beitragen, indem sie natürlich erstmal grundsätzlich die gesetzlichen Vorgaben im Arbeits- und Gesundheitsschutz mit Leben füllen und als wichtigen Baustein für einen gesunden Betrieb betrachten. Im Sinne der betrieblichen Gesundheitsförderung heißt das dann, Mitarbeitende in ihren Gesundheitsressourcen zu stärken, z.B. in ihrer Selbstwirksamkeit oder ihrer mentalen Widerstandsfähigkeit. Entscheidender ist aber vor allem die Gestaltung von gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen, denn wir brauchen Strukturen, in denen es Mitarbeitenden möglich wird, diese Ressourcen zum Einsatz zu bringen.

Führungskräfte nehmen dabei eine entscheide Rolle ein. Wir wissen aus der Forschung1, dass wir Menschen nach Autonomie, sozialer Eingebundenheit und Kompetenzerleben streben. Das Ausmaß der Bedürfnisbefriedigung während unserer beruflichen Tätigkeitsausübung ist entscheidend für unsere Motivation und damit auch für unsere Gesundheit. Es gilt also Arbeit so zu gestalten, dass diese die psychologischen Grundbedürfnisse erfüllen. Das heißt zum Beispiel Mitarbeitende in Entscheidungsprozesse einzubinden und andere Meinungen zuzulassen, Handlungsspielräume zu eröffnen oder Verantwortung auch mal abzugeben.

Viele Studien zeigen, dass insbesondere solche Führungsstile erfolgreich sind, die diese Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden im Blick haben und in ihrem Führungshandeln berücksichtigen, so zum Beispiel empowermentorientierte Führung. Nicht zuletzt gilt es durch gesunde Führung der Vorbildrolle nachzukommen. Das heißt, die eigene Gesundheit als wichtigen Wert anzuerkennen und das im Verhalten gegenüber den Mitarbeitenden auch sichtbar werden zu lassen.

Damit fördern wir übrigens nicht nur die Gesundheit– wir binden somit auch Mitarbeitende langfristig an das Unternehmen und schaffen eine Arbeitsumgebung, die Mitarbeitende gerne und motiviert zur Arbeit kommen lässt.

Christoph Sochart:

Vielen Dank, Frau Eder, für Ihre Einblicke und Empfehlungen zur Förderung der psychischen Gesundheit im Arbeitsumfeld.

Lara Luisa Eder:

Gern geschehen. Die Förderung der psychischen Gesundheit ist eine gemeinsame Aufgabe, bei der jeder seinen Teil beitragen kann.

1 Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan (2000, 2004)

Zur Person:

Lara Luisa Eder ist Psychologin und forscht seit mehreren Jahre zum Thema mentale Gesundheit in der Arbeitswelt. Sie ist selbstständig und begleitet Unternehmen mit Führungskräfteentwicklungsprogrammen. Ihre Motivation: Unsere Arbeitswelten gesund und mutig gestalten, damit sich Potenziale entfalten. https://laraluisa-eder.de/

Zur Aktionswoche:

Wie können wir persönlich und als Gesellschaft einen gesunden Umgang mit der allgemeinen Unsicherheit und Überforderung angesichts der globalen Krisen finden? Die Aktionswoche möchte auf die unterschiedlichen Strategien zur Bewältigung und auf das vielfältige psychosoziale Hilfsangebot in Deutschland aufmerksam machen sowie zum gemeinsamen Austausch und gegenseitiger Unterstützung aufrufen.

Die diesjährige Aktionswoche wird mit einem Grußwort von Gesundheitsminister Karl Lauterbach am 10. Oktober 2023 in Berlin eröffnet. Die Auftaktveranstaltung ist zeitgleich live per Stream auf YouTube zu sehen.

Das trialogische Podium besteht aus Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Medien und Politik, die gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen sich mit Perspektiven zum Thema Ängste in Krisenzeiten auseinandersetzen. https://www.seelischegesundheit.net/