Gießereien: Klein an Zahl, groß für die deutsche Wirtschaft
Gießereien sind ein unsichtbarer Schlüssel der deutschen Industrie. Ob Automobil, Maschinenbau oder andere industrielle Anwendungen: Ohne Gussteile würden viele Produkte nicht funktionieren. Eine aktuelle Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, wie groß die wirtschaftliche Bedeutung der Branche tatsächlich ist.
Von Christoph Sochart
In Deutschland gibt es derzeit 545 Gießereien mit rund 67.700 Beschäftigten. Die Unternehmen arbeiten mit unterschiedlichen Verfahren wie Sand-, Druck- oder Feinguss und verarbeiten Eisen, Stahl und Leichtmetalle. Die Bandbreite ihrer Produkte ist enorm: Sie reicht von wenigen Gramm schweren Bauteilen bis zu Gussteilen mit mehreren hundert Tonnen Gewicht.
Besonders eng ist die Gießereiindustrie mit der Automobilwirtschaft verbunden. 45 Prozent des Gesamtwerts der 2024 gelieferten Gießereiprodukte gingen an die Automobilindustrie. Damit ist sie mit Abstand der wichtigste Abnehmer. Weitere 30 Prozent entfallen auf den Maschinenbau. Gusskomponenten finden sich unter anderem in Zylinderköpfen, Bremsteilen, Getrieben, Achsen, Karosseriestrukturen und Batteriegehäusen für Elektrofahrzeuge.

In Deutschland im Jahr 2025
125.000 Arbeitsplätze hängen daran
Die Bedeutung der Branche geht allerdings weit über die direkt Beschäftigten hinaus. Nach Berechnungen der IW Consult sichert die Gießereiindustrie in Deutschland knapp 125.000 Arbeitsplätze und steht direkt und indirekt für rund 10,3 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung.
Noch größer wird die Dimension, wenn man die Unternehmen betrachtet, die für ihre eigene Produktion auf Gussprodukte angewiesen sind. Dieses sogenannte Guss-Kundennetzwerk steht für eine Bruttowertschöpfung von rund 428 Milliarden Euro, einen Produktionswert von etwa 1.150 Milliarden Euro und 3,85 Millionen Arbeitsplätze.
Damit wird deutlich: Was auf den ersten Blick wie eine kleine Spezialbranche wirkt, ist tatsächlich ein wichtiger Baustein der deutschen Industrie.
In unserer neuen Podcastserie spielt die Gießerei-Industrie in unserer Stadt eine große Rolle. Unter anderem mit dabei die Chefin der Gießerei Dillenberg in Eller, Kathrin Grüne.
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Unter Druck
Gleichzeitig stehen die Gießereien vor erheblichen Herausforderungen. Die Produktion in Deutschland ist seit 2018 bereits um 35 Prozent zurückgegangen. Hinzu kommen die schwache Entwicklung wichtiger Kundenbranchen, insbesondere der Automobilindustrie und des Maschinenbaus.
Für die Unternehmen kommen weitere Belastungen hinzu: hohe Strompreise, unsichere handelspolitische Rahmenbedingungen und die anspruchsvolle Transformation hin zu einer klimafreundlicheren Produktion.
Gerade die Energiefrage ist für Gießereien entscheidend. Die Herstellung von Metallprodukten benötigt große Mengen Energie. Wenn die Kosten am Standort Deutschland deutlich höher liegen als bei internationalen Wettbewerbern, wird es für Unternehmen schwieriger, wettbewerbsfähig zu produzieren und gleichzeitig in neue Technologien zu investieren.
Was passiert, wenn die Gießereiindustrie weiter schrumpft?
Die IW Consult hat deshalb verschiedene Szenarien berechnet. Besonders deutlich ist das Negativszenario: Würde die heimische Gussproduktion vom heutigen Niveau aus noch einmal um 50 Prozent sinken, könnte die deutsche Bruttowertschöpfung um 65 Milliarden Euro zurückgehen. Das entspräche 1,6 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Rund 588.000 Arbeitsplätze könnten verloren gehen.
Umgekehrt zeigt die Analyse auch die Chancen einer stärkeren Industrieproduktion. Würde die Gießereiindustrie ihre Produktion entsprechend der europäischen industriepolitischen Ziele ausweiten, könnten allein in der Branche rund 12.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen und die Wertschöpfung um knapp 900 Millionen Euro steigen.
Auch für Düsseldorf relevant
Für eine Industriestadt wie Düsseldorf ist diese Entwicklung von besonderem Interesse. Die Stadt und die Region sind eng mit der industriellen Wertschöpfung, dem Maschinenbau, der Metallverarbeitung und der Automobilwirtschaft verbunden. Die Stärke eines Industriestandorts entsteht dabei nicht nur durch große bekannte Unternehmen, sondern auch durch zahlreiche spezialisierte Zulieferer und industrielle Dienstleister.
Die Gießereiindustrie zeigt exemplarisch, wie eng diese Wertschöpfungsketten miteinander verbunden sind.
Industriepolitik bedeutet deshalb auch, die weniger sichtbaren Glieder der industriellen Kette im Blick zu behalten. Wenn ein einzelner Baustein wegbricht, kann das Auswirkungen auf zahlreiche weitere Unternehmen haben.
Die Botschaft der IW-Analyse ist deshalb klar: Gießereien mögen zahlenmäßig eine überschaubare Branche sein. Für die industrielle Leistungsfähigkeit Deutschlands sind sie alles andere als unbedeutend.
Gerade in Zeiten von Transformation, hohen Energiekosten und internationalem Wettbewerbsdruck wird sich entscheiden, ob Deutschland auch künftig ein leistungsfähiger Industriestandort mit vollständigen Wertschöpfungsketten bleibt.
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), „Alles aus einem Guss“, 10. August 2026.
