Neue Studie aus Düsseldorf: Autoindustrie hinkt digitalen Wünschen der Verbraucher weit hinterher

Das Unternehmen Kearney sitzt im Dreischeibenhaus. Foto: Unternehmerschaft Düsseldorf

Welche technologischen Services für Kunden zukünftig in Autos nicht fehlen dürfen und wie wettbewerbsfähig deutsche Hersteller sind

  • Jährliches Marktwachstum von 21,7 Prozent für digital vernetzte Autos
  • Fast 80 Prozent der deutschen Fahrer wünschen sich digitalere Sicherheitsvorkehrungen und Fahrassistenz
  • China: Kino-Entertainment und Online-Shopping im Auto ein Muss

Die Automobilindustrie steht vor einem Wendepunkt. Denn das klassische Kerngeschäft der Hersteller wächst trotz zunehmender E-Mobilität nur noch gering. Tech-Player wie Apple, Google und neuerdings auch Amazon drängen mit ihren Services ins Auto. Für Experten liegt die Lösung in der digitalen Vernetzung des Autos mit dem Alltag – ein jährliches Marktwachstum von 21,7 Prozent bis 2030 wird prognostiziert. Das belegt auch eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Kearney. „Für mehr als 80 Prozent der Befragten sind digitale Services beim Fahren und darüber hinaus essenziell“, erklärt Andreas Form, Partner bei Kearney und Automobilexperte. Gemeint sei dabei, den Kunden im Auto nahezu alle Funktionen zur Verfügung zu stellen, die sie aus ihrem digitalen Alltag kennen. Von Entertainment und Arbeit bis hin zu Gesundheitsapps sowie verbesserten Fahrassistenzsystemen.

Studie: Autofahrer in Deutschland, USA und China befragt

Die Erwartungen der Kunden an digitale Services sind hoch – blickt man in andere Märkte wie etwa China sind sie noch höher. Das Fahrzeugmanagement wie beispielsweise der Fernzugriff auf das Auto oder die Abfrage von Fahrzeugdaten sind für 78 Prozent der Autofahrer in Deutschland, den USA und China äußerst wichtig. Dicht gefolgt von Services bei Instandhaltung und Sicherheit mit 77 Prozent. Darunter fällt etwa eine vorausschauende Wartung, eine automatische Online-Terminbuchung bei der Werkstatt oder die digitale Diebstahlüberwachung. „Das ist zwar vielfach noch Zukunftsmusik, allerdings werden Autos immer mehr von Software definiert, womit sich auch die Fähigkeit zur Selbstheilung immer weiterentwickelt – Updates und Upgrades werden also selbst Probleme beheben können“, ist Form überzeugt. Fahrassistenz und Sicherheit, zum Beispiel Live-Verkehrsupdates, Informationen zu Tankstellen und Ladestationen und sogar die Suche nach Sehenswürdigkeiten oder Sprachsteuerung ist 76 Prozent der Befragten sehr wichtig. „Besonders interessant ist die steigende Nachfrage nach Angeboten, die über das Fahren hinausgehen“, so Form. So finden 68 Prozent der befragten Fahrer, dass digitales Entertainment im Auto nicht fehlen darf und 61 Prozent halten Gesundheits- und Wellnessdienste wie etwa Systeme zur Überwachung von Wohlbefinden und Aufmerksamkeit des Fahrers oder Meditationsapps für wesentlich.

China als Vorreiter: Entertainment und Einkaufen im Auto

Das Interesse und die Nutzung von digitalen Services im Auto unterscheiden sich regional deutlich. „Die größten Unterschiede finden sich in den Bereichen Entertainment, E-Commerce also Online-Shopping im Auto oder berufsseitig etwa bei intelligenten Assistenten für E-Mails, Telefonkonferenzen oder Zahlungslösungen“, erklärt Form. Diese Services seien für chinesische Autofahrer im Vergleich zu fahrzeugnahen Themen deutlich relevanter als für Autofahrer aus den USA oder Deutschland. Ähnliches gilt für die Bereiche E-Commerce (75 Prozent) sowie Produktivität und Arbeit (79 Prozent). Ein gutes Beispiel liefert der chinesische Hersteller Nio, der seine Autos mit Virtual-Reality-Brille für ein premium Kinoerlebnis inklusive atmosphärischem Sound-System ausstattet. „Neue Technologien, wie beispielsweise Augmented-Reality oder künstliche Intelligenz, erweitern den Zweck des Fahrzeugs von einem hochwertigen Transportmittel zu einem Lebensraum“, so Form weiter. Eine eigene App, über die alle Services vernetzt sind, man mit der Community kommuniziert und Lifestyleprodukte kaufen kann, ist am chinesischen Markt bereits ein Muss. Diese Bereiche spielen in Deutschland und den USA noch eine geringere Rolle. E-Commerce mit nur 40 Prozent in Deutschland beziehungsweise 46 Prozent in den USA und die Bereiche Produktivität & Arbeit mit 51 Prozent in Deutschland und 48 Prozent in den USA.

Bezahlmodell als K.O.-Kriterium

Für deutsche Hersteller sei es noch nicht zu spät, meint Form. Allerdings ist der Aufbau eines gewinnbringenden Ökosystems eine Herausforderung, der sie sich stellen müssen, um den veränderten Kundenbedürfnissen zu begegnen und neue Einnahmequellen zu etablieren. „Maßgeblich für den Erfolg sind Monetarisierungsmodelle, die sich nach den Präferenzen der Kunden richten – also ob im Abo, nutzungsabhängig oder als Festpreis bezahlt wird“, weiß Form. Obwohl er in der Zukunft eine deutliche Steigerung in Richtung Abo-Modell erwarte – ähnlich wie es der Mobilfunk erlebt hat – seien die Laufzeiten und die Art der Bezahlung aktuell ein K.O.-Kriterium. Die Bedeutung wird durch die Umfrage klar: Die Mehrheit der Autofahrer (43 Prozent) bevorzugt eine einmalige Bezahlung beim Fahrzeugkauf. Ein monatliches Abo-Modell mit automatischer monatlicher Bezahlung liegt bei 22 Prozent, während nur acht Prozent ein jährliches Abo-Modell mit monatlicher Bezahlung favorisieren.

Über Kearney

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