Produktivität mit KI beginnt nicht bei der Software – Unternehmen brauchen skalierbare Prozesse – und qualifizierte Beschäftigte

Unternehmen brauchen skalierbare Prozesse. Teaserbild: mit Material der KI

Von Christoph Sochart

Künstliche Intelligenz ist längst in den Unternehmen angekommen. Sie schreibt Texte, analysiert Daten, automatisiert Routinen und unterstützt Entscheidungen. Trotzdem bleibt ein entscheidender Teil der Debatte bisher erstaunlich offen: Warum spüren viele Unternehmen die erwarteten Produktivitätsgewinne noch nicht deutlich genug?

Mit dieser Frage haben sich Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Sozialpartnerschaft beim Gipfeltreffen 2026 des acatech HR-Kreises in Berlin beschäftigt. Im Mittelpunkt standen Unternehmenskultur, Resilienz und die Frage, wie Organisationen auch in Zeiten permanenter Veränderung handlungsfähig bleiben.

Für mich liegt darin eine der wichtigsten Erkenntnisse der aktuellen KI-Debatte: Produktivität entsteht nicht allein durch die Anschaffung neuer Technologie. Sie entsteht dort, wo Technik auf gute Prozesse, qualifizierte Menschen und verantwortungsvolle Führung trifft.

Das Zeitalter der Widersprüche

Prof. Dr.-Ing. habil. Sascha Stowasser, Direktor des Düsseldorfer ifaa – Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft und Teilnehmer des Gipfels, spricht vom „Zeitalter der Widersprüche“. Der Begriff trifft die Situation sehr genau: Der Einsatz von KI nimmt in Unternehmen rasant zu, gleichzeitig bleiben die erhofften Produktivitätsfortschritte vielerorts noch aus.

Hinzu kommt, dass Unternehmen bei der KI-Nutzung sehr unterschiedlich weit sind. Während einige Organisationen bereits konkrete Anwendungen in ihre Abläufe integriert haben, stehen andere noch vor der grundsätzlichen Frage, wo KI überhaupt sinnvoll eingesetzt werden kann.

Diese Unterschiede sind kein Zeichen von Versagen. Sie zeigen vielmehr, dass digitale Transformation kein einheitlicher Prozess ist. Jedes Unternehmen muss seine eigenen Abläufe prüfen, Prioritäten setzen und herausfinden, wo KI einen echten Mehrwert schaffen kann.

Technologie braucht Akzeptanz

Die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche KI-Transformation ist deshalb nicht nur die technische Ausstattung. Es geht um Akzeptanz. Und Akzeptanz entsteht nicht automatisch dadurch, dass eine neue Software eingeführt wird.

Sie entsteht durch klare Kommunikation, durch Kompetenzvermittlung und durch die Beteiligung der Beschäftigten. Die Menschen, die täglich mit Kunden, Maschinen, Produkten und Prozessen arbeiten, verfügen über ein unverzichtbares Domänenwissen. Dieses Wissen muss in die Entwicklung und Einführung von KI-Anwendungen einfließen.

Wer KI über die Köpfe der Beschäftigten hinweg einführt, riskiert Widerstand, Misstrauen und schlechte Lösungen. Wer die Beschäftigten dagegen frühzeitig einbindet, schafft die Grundlage für Anwendungen, die im Arbeitsalltag tatsächlich funktionieren.

Dabei sollte die Diskussion nicht vorschnell auf die Frage reduziert werden, ob KI Arbeitsplätze ersetzt. In vielen Fällen wird sich zunächst vor allem die Arbeit verändern. Aufgaben werden neu verteilt, Routinen automatisiert und Anforderungen an Qualifikationen verschoben. Genau deshalb brauchen Beschäftigte Möglichkeiten, neue Kompetenzen zu erwerben und ihre berufliche Entwicklung aktiv mitzugestalten.

Führung muss Orientierung geben

Die Einführung von KI ist damit vor allem auch eine Führungsaufgabe. Führungskräfte müssen erklären, warum Veränderungen notwendig sind, welche Ziele verfolgt werden und welchen konkreten Nutzen die neue Technologie bringen soll. Sie müssen Ängste ernst nehmen, ohne sie zu verstärken, und Orientierung geben, wenn noch nicht jede Frage beantwortet werden kann.

Das verlangt eine neue Form von Führung: weniger Verkündung fertiger Lösungen, mehr Dialog und gemeinsames Lernen. Unternehmen müssen Räume schaffen, in denen ausprobiert, korrigiert und aus Fehlern gelernt werden kann. Gerade in einer Phase hoher Geschwindigkeit ist eine Kultur wichtig, die nicht jede Unsicherheit als Schwäche versteht.

Skalierbare Prozesse sind der Schlüssel

Aus meiner Sicht wird die nächste Phase der KI-Transformation vor allem daran entschieden, ob Unternehmen ihre Prozesse skalierbar machen. Einzelne Pilotprojekte können wertvolle Erfahrungen liefern. Produktivität entsteht aber erst dann, wenn erfolgreiche Anwendungen in den Arbeitsalltag übertragen werden – sicher, verständlich und wirtschaftlich.

Dafür braucht es klare Zuständigkeiten, verlässliche Daten, passende Qualifikationen und eine Organisation, die Veränderungen nicht nur aushält, sondern aktiv gestalten kann. Resilienz bedeutet dabei nicht, an alten Abläufen festzuhalten. Resilienz bedeutet, sich verändern zu können, ohne die eigene Handlungsfähigkeit zu verlieren.

Das Gipfeltreffen des acatech HR-Kreises macht deshalb eine zentrale Botschaft deutlich: Mensch, Technik und Organisation dürfen nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Unternehmen, die nur in Technologie investieren, werden hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Unternehmen, die Technologie mit Lernfähigkeit, Vertrauen und einer tragfähigen Kultur verbinden, schaffen dagegen die Voraussetzungen für nachhaltige Produktivität.

Mein Fazit

KI wird nicht automatisch produktiver machen. Aber Unternehmen können mit KI produktiver werden, wenn sie drei Dinge zusammenbringen: skalierbare Prozesse, qualifizierte Beschäftigte und eine Führung, die Veränderung verständlich und beteiligungsorientiert gestaltet.

Die eigentliche Zukunftsfrage lautet deshalb nicht: „Wie schnell können wir KI einsetzen?“ Sie lautet: „Wie entwickeln wir unsere Organisation so weiter, dass Menschen und Technologie gemeinsam besser arbeiten können?“

Weitere Informationen: KI als Taktgeber des Wandels: Kultur und Resilienz als Kompass für handlungsfähige Organisationen