Wenn der Gewinn verschwindet, verliert der Standort

Gesamtkapitalrendite im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2023 in Prozent

Wenn der Gewinn verschwindet, verschwindet am Ende mehr als nur eine Zahl in der Bilanz.

Deutschland diskutiert gern über hohe Unternehmensgewinne. Sie gelten schnell als Zeichen von Macht, Ungleichheit oder gesellschaftlicher Schieflage. Doch die nüchterne ökonomische Wahrheit lautet: Gewinne sind kein Luxus der Wirtschaft. Sie sind ihr Treibstoff.


Von Christoph Sochart


Wie das Institut der deutschen Wirtschaft mitteilt, ist die Ertragslage deutscher Unternehmen deutlich weniger komfortabel, als es manche öffentliche Debatte vermuten lässt. Besonders die Industrie steht unter Druck. Dort geht es nicht um die Frage, ob Unternehmen zu viel verdienen. Es geht um die Frage, ob sie überhaupt noch genug verdienen, um im internationalen Wettbewerb dauerhaft bestehen zu können.

Die Gewinnquote sinkt auf ein Rekordtief

Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen in Deutschland sind zwischen 2015 und 2025 im Durchschnitt lediglich um 1,8 Prozent pro Jahr gewachsen. Die Arbeitnehmerentgelte legten im selben Zeitraum durchschnittlich um 4,5 Prozent jährlich zu.

Das hat die Einkommensverteilung sichtbar verändert. Die Lohnquote – also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen – stieg zuletzt auf rund 75 Prozent. Spiegelbildlich sank die Gewinnquote, der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, im Jahr 2025 auf rund 25 Prozent. Das war ein Tiefstand.

Die Entwicklung verlief dabei keineswegs geradlinig. Im Jahr 2023 stiegen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen noch um 7,8 Prozent. Ein Jahr später sanken sie um 8,1 Prozent. Die Botschaft dieser Zahlen ist klar: Die Erträge schwanken stark – und der langfristige Zuwachs bleibt begrenzt.

Ein schmaler Puffer für die Gesamtwirtschaft

Entscheidend ist nicht allein, ob ein Unternehmen einen Gewinn ausweist. Entscheidend ist, ob dieser Gewinn ausreicht, um Risiken, Kapitalkosten und notwendige Investitionen zu finanzieren.

Für die nicht finanziellen Unternehmen in Deutschland lag die Gesamtkapitalrendite im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2024 bei gut 5,8 Prozent. Das war lediglich rund ein Prozentpunkt mehr als jene Rendite, die erforderlich gewesen wäre, um zumindest das unternehmerische Risiko und die Kapitalkosten zu decken.

Das ist kein üppiges Polster. Es ist ein schmaler Sicherheitsabstand. Ein Unternehmen, das nur knapp über seiner Mindestanforderung wirtschaftet, kann Krisen schlechter abfedern, Investitionen schwerer finanzieren und Kapital weniger überzeugend an den Standort binden.

Gewinn ist in diesem Sinne nicht das Ende der wirtschaftlichen Leistung. Gewinn ist die Voraussetzung dafür, dass die nächste Leistung überhaupt finanziert werden kann.

Die Industrie verfehlt teilweise die Mindestschwelle

Besonders kritisch ist die Lage im Verarbeitenden Gewerbe. Die Industrieunternehmen erzielten zwischen 2015 und 2023 im jährlichen Durchschnitt eine Gesamtkapitalrendite von knapp 4,9 Prozent. Rund 5 Prozent wären nach der Analyse erforderlich gewesen, um die Anforderungen der Investoren zu erfüllen.

Der Abstand mag auf den ersten Blick klein wirken. In der Realität entscheidet sich an solchen Größenordnungen jedoch, wohin Kapital fließt. Investoren vergleichen Standorte. Wenn die Rendite in Deutschland die Risiken und Kosten nicht ausreichend kompensiert, wird eine Anlage im Ausland attraktiver.

Im Jahr 2023 lag die tatsächliche Rendite der Industrie zwar leicht über der notwendigen Schwelle. Doch der Befund bleibt schwierig: Die Industrie bewegt sich nahe an der Grenze dessen, was für eine dauerhafte Finanzierung ausreicht.

Damit wächst das Risiko einer Deindustrialisierung. Nicht als plötzliches Ereignis, sondern als schleichender Prozess: eine Investition weniger, ein Standort weniger, eine Produktionslinie weniger. Was in der Einzelbilanz unspektakulär aussehen mag, kann sich in der Summe zu einem strukturellen Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland entwickeln.

Ohne Gewinne keine Zukunftsinvestitionen

Die Debatte über Gewinne ist deshalb auch eine Debatte über Arbeitsplätze. Empirische Daten zeigen nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft, dass Gewinne Investitionen ermöglichen. Investitionen wiederum haben positive Beschäftigungseffekte.

Der Umkehrschluss ist unbequem, aber logisch: Wo Gewinne dauerhaft ausbleiben, werden Investitionen schwieriger. Und wo Investitionen fehlen, geraten Arbeitsplätze unter Druck.

Das betrifft nicht nur Maschinen, Gebäude oder Produktionsanlagen. Es geht ebenso um jene Ausgaben, die für Digitalisierung und klimaneutrale Transformation erforderlich sind. Wer Unternehmen die wirtschaftliche Grundlage entzieht, kann nicht gleichzeitig erwarten, dass sie den technologischen und ökologischen Umbau aus eigener Kraft finanzieren.

Wettbewerb bleibt dabei das entscheidende Korrektiv. Gewinne sollen nicht grenzenlos wachsen, wenn Marktmacht missbraucht wird. Dafür gibt es Wettbewerbsregeln und das Bundeskartellamt. Aber die bloße Existenz eines Gewinns ist noch kein Beweis für ein Problem. In einer funktionierenden Marktwirtschaft ist der Gewinn das Signal, dass sich unternehmerisches Risiko zumindest lohnen kann.

Der Standort braucht keine Gewinnskepsis, sondern Ertragskraft

Die Zahlen des IW liefern keinen Freibrief für jedes Geschäftsmodell und keine Rechtfertigung für jeden Preis. Sie liefern etwas Wichtigeres: eine realistische Grundlage für die Diskussion.

Deutschland braucht Unternehmen, die profitabel wirtschaften können. Nicht, weil Gewinne Selbstzweck wären. Sondern weil aus ihnen Investitionen, Innovationen und Beschäftigung entstehen. Gerade die Industrie kann nicht dauerhaft von der Substanz leben und zugleich die Zukunft finanzieren.

Die zentrale wirtschaftspolitische Frage lautet deshalb nicht: Wie können Gewinne weiter begrenzt werden? Sie lautet: Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Unternehmen wieder ausreichend verdienen, investieren und am Standort Deutschland bleiben können?

Wer den Gewinn verteufelt, spart am falschen Ende: Erst verschwindet die Rendite – dann die Investition, der Arbeitsplatz und am Ende der industrielle Standort.

Quelle

Institut der deutschen Wirtschaft: „Geringe Gewinne haben große wirtschaftliche Folgen“, veröffentlicht am 6. August 2026. Grundlage ist ein IW-Consult-Gutachten für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.