Experte: Grundrente = Grundsicherung zweiter Klasse

Nied­rig­ver­die­ner, die ihr Leben lang in die Ren­ten­kas­se ein­ge­zahlt, Kin­der groß­ge­zo­gen oder Ange­hö­ri­ge gepflegt haben, sol­len künf­tig eine Grund­ren­te erhal­ten, die über der steu­er­fi­nan­zier­ten Min­dest­si­che­rung liegt. Damit steu­ert die Gro­Ko gera­de­wegs in eine Zwei-Klas­sen-Grund­si­che­rung.

Die Aner­ken­nung von Lebens­leis­tung ist der Gro­Ko ein wich­ti­ges Anlie­gen. Die ent­spre­chen­de Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung will Arbeits­mi­nis­ter Huber­tus Heil bald umset­zen: Dem­nach sol­len bedürf­ti­ge Rent­ner, die min­des­tens 35 Jah­re in die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung ein­ge­zahlt haben, eine Grund­ren­te erhal­ten, die zehn Pro­zent über dem indi­vi­du­el­len Grund­si­che­rungs­an­spruch liegt. Dazu zäh­len auch Zei­ten der Kin­der­er­zie­hung und Pfle­ge. Wei­te­re Bedin­gung: Das gesam­te Haus­halts­ein­kom­men, also auch das des Lebens­part­ners, und das gemein­sa­me Ver­mö­gen dür­fen die Min­dest­si­che­rungs­schwel­le nicht über­schrei­ten.

Auf den ers­ten Blick erscheint das leis­tungs­ge­recht. Bei genaue­rem Hin­se­hen ruft die Grund­ren­te jedoch neue Unge­reimt­hei­ten her­vor. De fac­to erhal­ten näm­lich zwei glei­cher­ma­ßen bedürf­ti­ge Per­so­nen je nach Ver­lauf ihrer Erwerbs­bio­gra­fie eine unter­schied­lich hohe Min­dest­si­che­rung. Wer weni­ger als 35 Ver­si­che­rungs­jah­re auf­weist, zum Bei­spiel weil er zwi­schen­zeit­lich selb­stän­dig erwerbs­tä­tig war oder aus fami­liä­ren oder gesund­heit­li­chen Grün­den pau­siert hat, soll künf­tig weni­ger steu­er­fi­nan­zier­te Hil­fe bekom­men.

Die­se Ungleich­be­hand­lung ent­steht, weil hier Bedarfs- und Leis­tungs­ge­rech­tig­keit ver­mischt wer­den: Eigent­lich dient die Grund­si­che­rung allein der Absi­che­rung bei Bedürf­tig­keit. Weil damit eine men­schen­wür­di­ge finan­zi­el­le Min­dest­aus­stat­tung garan­tiert wer­den soll, ori­en­tiert sich die Hil­fe am Bedarf. Damit ist die Grund­si­che­rung das fal­sche Mit­tel, um Lebens­leis­tung anzu­er­ken­nen.

Die­se spie­gelt sich viel­mehr in der gesetz­li­chen Ren­te wider, zumin­dest solan­ge Lebens­leis­tung an bei­trags­pflich­ti­gen Ein­kom­men, Erzie­hungs- und Pfle­ge­leis­tun­gen gemes­sen wird. Wer bei­spiels­wei­se selb­stän­dig tätig war, muss alter­na­tiv vor­sor­gen. Wer sich aus­schließ­lich um die Fami­lie geküm­mert hat, soll­te die Vor­sor­ge gemein­sam mit dem Part­ner pla­nen. Übri­gens bie­tet die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung auch hier­zu eine Opti­on: das Ren­ten­split­ting, bei dem Bei­trags­zei­ten bei­der Part­ner zu glei­chen Tei­len ange­rech­net wer­den.

Quel­le: DR. JOCHEN PIMPERTZ, Insti­tut der Deut­schen Wirt­schaft, Lei­ter des Kom­pe­tenz­felds Öffent­li­che Finan­zen, Sozia­le Siche­rung, Ver­tei­lung