Insolvenzen: Die Oktober-Welle abschwächen

Die Insol­venz-Zah­len für den April 2020 sagen nichts aus über die tat­säch­li­che Zah­lungs­fä­hig­keit der Unter­neh­men in der Coro­na-Kri­se. Im Herbst steigt die Zahl der Insol­ven­zen vor­aus­sicht­lich sprung­haft. Sicher kann der Staat nicht alle Fir­men ret­ten – und künst­lich am Leben gehal­te­ne Zom­bie-Fir­men will nie­mand. Eine Insol­venz­wel­le wür­de aber auch den Ban­ken­sek­tor bedro­hen. Anstel­le von noch grö­ße­ren Not-Kre­di­ten soll­ten die rück­zahl­ba­ren Liqui­di­täts­hil­fen unter bestimm­ten Bedin­gun­gen in Zuschüs­se umge­wan­delt wer­den, betont DR. KLAUS-HEINER RÖHL Seni­or Eco­no­mist für Unter­neh­men beim Insti­tut der Deut­schen Wirt­schaft.

Im April 2020 wur­den nur 1.465 Unter­neh­mens­in­sol­ven­zen regis­triert – 13,3 Pro­zent weni­ger als im Vor­jahr. Doch die schein­bar erfreu­li­che Zahl ist nicht belast­bar. Denn wer der­zeit mit sei­nem Geschäft in finan­zi­el­le Schief­la­ge gerät, darf die Bean­tra­gung einer Insol­venz bis Ende Sep­tem­ber auf­schie­ben. Vor allem klei­nen Fir­men und Selb­stän­di­gen hilft das, denn sie bekom­men genug Zeit, sich um staat­li­che Liqui­di­täts­hil­fen zu küm­mern. Unwei­ger­lich agie­ren so aber auch Fir­men am Markt, die dann alle auf ein­mal im Herbst Insol­venz anmel­den, wenn es ihnen bis dahin nicht bes­ser geht. Daher wird die Zahl der Insol­ven­zen die­ses Jahr wahr­schein­lich deut­lich anstei­gen.

Erholt sich die Wirt­schaft in der zwei­ten Jah­res­hälf­te schnell, ent­spre­chend des soge­nann­ten V‑Szenarios, ist mit einem Anstieg der Insol­ven­zen im Ver­gleich zum Vor­jahr zwi­schen sechs und 15 Pro­zent zu rech­nen. Dau­ert es län­ger mit dem Auf­schwung, also wie im U‑Szenario, könn­ten die Insol­ven­zen gar um bis zu 30 Pro­zent stei­gen. Aller­dings könn­te ein Teil der Fäl­le auch erst 2021 rea­li­siert wer­den.

Wenn die Poli­tik die Insol­venz­wel­le im Herbst in Gren­zen hal­ten will, muss sie vor allem die Bilan­zen klei­ne­rer und mitt­le­rer Fir­men im Blick haben. Die Wirt­schaft in Schwung zu brin­gen, wird allein nicht rei­chen. Denn der all­ge­mei­ne Auf­schwung wird nicht jede Bran­che und jedes Unter­neh­men glei­cher­ma­ßen errei­chen, so dass man­che Fir­ma ihre Rech­nun­gen trotz­dem nicht beglei­chen kann. Um die­se vor der Plei­te zu bewah­ren, muss ers­tens die Liqui­di­tät gesi­chert und zwei­tens eine Über­schul­dung durch Ver­zehr des Eigen­ka­pi­tals ver­hin­dert wer­den. Mög­lich­keit eins ist aus­ge­schöpft: Noch mehr Liqui­di­täts­hil­fen wären nicht ziel­füh­rend, weil die Unter­neh­men dann über­schul­det wären und mög­li­cher­wei­se nicht markt­fä­hi­ge Zom­bie-Fir­men am Leben gehal­ten wür­den.

Bleibt Mög­lich­keit zwei: Bis­lang konn­ten nur Kleinst­be­trie­be mit bis zu zehn Beschäf­tig­ten direk­te Zuschüs­se vom Bund erhal­ten. Im Rah­men des Kon­junk­tur­pa­kets gibt es nun aber auch für grö­ße­re Mit­tel­ständ­ler Zuschüs­se von bis zu 150.000 Euro, die bei Bedarf in den Mona­ten Juli, August und Sep­tem­ber aus­ge­zahlt wer­den. Das ist wich­tig, um eine Über­schul­dung zu ver­hin­dern.

Unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen soll­ten zudem die Liqui­di­täts­hil­fen in ech­te Zuschüs­se umge­wan­delt wer­den kön­nen. Dies wür­de das Eigen­ka­pi­tal stär­ken und damit Insol­ven­zen ver­hin­dern und zugleich dem Staat ein wirk­sa­mes wirt­schafts­po­li­ti­sches Instru­ment an die Hand geben, mit dem die Wei­chen für die Zukunft gestellt wer­den. Denn nach der Beschäf­ti­gungs­si­che­rung durch Kurz­ar­beit geht es jetzt um neue Jobs. Zudem wür­den zusätz­li­che Hil­fen indi­rekt den Ban­ken­sek­tor sta­bi­li­sie­ren, der durch zu vie­le Insol­ven­zen in die Kri­se rut­schen könn­te. Wich­tig sind kla­re Kri­te­ri­en: Denk­bar wäre für die Umwand­lung von Liqui­di­täts­hil­fen in Zuschüs­se bei­spiels­wei­se die Bedin­gung, dass eine Fir­ma Berufs­ein­stei­ger oder Aus­zu­bil­den­de, die es gera­de am Arbeits­markt beson­ders schwer haben, ein­stellt oder in Digi­ta­li­sie­rung und Umwelt­schutz inves­tiert.