Warum der Ingenieurarbeitsmarkt 2040 Anlass zur Zuversicht gibt
Von Christoph Sochart
Manchmal erzählen Zahlen zunächst eine Geschichte der Sorge. Im vierten Quartal 2025 waren in Deutschland 96.760 Stellen in Ingenieur- und Informatikberufen unbesetzt. Gleichzeitig stieg die Zahl der arbeitslosen Menschen in diesen Berufsfeldern auf 58.392 – den höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2011. Dies teilt uns der VDI in Düsseldorf mit.
Das sind Zahlen, die wir ernst nehmen müssen. Sie spiegeln die konjunkturelle Schwäche, den Strukturwandel und die Veränderungen in wichtigen Branchen wider. Gerade im Maschinenbau, in der Fahrzeugtechnik und in der Industrie werden Geschäftsmodelle neu ausgerichtet. Stellenprofile verändern sich, manche Aufgaben verschwinden, neue entstehen.
Aber ich möchte diese Entwicklung nicht als Niedergang des Ingenieurberufs verstehen. Im Gegenteil: Für mich zeigen die aktuellen Zahlen vor allem, dass wir mitten in einer Transformation stehen. Und jede Transformation eröffnet auch neue Chancen.
Der Bedarf bleibt hoch
Der aktuelle VDI/IW-Ingenieurmonitor macht deutlich: Der Fachkräftebedarf verschwindet nicht. Er verändert sich.
Auf 100 Arbeitslose in Ingenieur- und Informatikberufen kamen im vierten Quartal 2025 noch immer 166 offene Stellen. In den Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen lag die Zahl sogar bei 173 offenen Stellen je 100 Arbeitslose. Der strukturelle Bedarf an qualifizierten Fachkräften ist also weiterhin vorhanden – er wird derzeit nur von der konjunkturellen Lage überlagert.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Weniger offene Stellen als im Vorjahr bedeuten nicht automatisch, dass Deutschland künftig weniger Ingenieurinnen und Ingenieure braucht. Im Gegenteil: Die großen Aufgaben unserer Zeit sind ohne technisches Wissen kaum zu bewältigen.
Wir müssen Energieversorgung und Mobilität weiterentwickeln, digitale Systeme sicher gestalten, medizinische Innovationen voranbringen und unsere industrielle Basis modernisieren. Dafür brauchen wir Menschen, die nicht nur über Technologie sprechen, sondern sie verstehen, entwickeln und in die Praxis bringen.
Bis 2040 steckt viel Potenzial im Arbeitsmarkt
Der Ausblick des VDI/IW-Ingenieurmonitors ist deshalb bemerkenswert. In einem Best-Case-Szenario könnte die Beschäftigung in Ingenieur- und Informatikberufen bis 2040 auf rund 1,95 Millionen steigen. Das wären 194.100 zusätzliche Fachkräfte.
Der damit verbundene volkswirtschaftliche Effekt wird mit einem zusätzlichen Wertschöpfungspotenzial von bis zu 24,1 Milliarden Euro pro Jahr beziffert.
Für mich ist das eine ermutigende Botschaft: Deutschland verfügt über erhebliche Potenziale. Wir müssen sie nur besser erschließen.
Die Frage lautet deshalb nicht allein: Wo finden wir neue Fachkräfte? Sie lautet auch: Wie schaffen wir es, vorhandene Potenziale zu aktivieren, Menschen weiterzuqualifizieren und mehr Menschen für technische Berufe zu gewinnen?
Qualifizierung wird zum Schlüssel
Ein zentraler Hebel ist das sogenannte Re-Skilling – also der gezielte Erwerb neuer Kompetenzen. Wenn sich Branchen und Technologien verändern, müssen sich auch Qualifikationsprofile weiterentwickeln.
Ingenieurinnen und Ingenieure bringen häufig eine hervorragende Grundlage mit: analytisches Denken, technisches Verständnis, Problemlösungskompetenz und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Darauf lässt sich aufbauen.
Unternehmen sollten Weiterbildung deshalb nicht als Kostenfaktor betrachten, sondern als Investition in die eigene Zukunft. Wer Beschäftigte bei der Entwicklung neuer Kompetenzen unterstützt, hält Wissen im Unternehmen und ermöglicht zugleich berufliche Perspektiven.
Auch die Politik ist gefordert: Weiterbildung muss einfacher zugänglich, besser anerkannt und stärker an den tatsächlichen Anforderungen der Arbeitswelt ausgerichtet werden. Die Transformation gelingt nicht, wenn Menschen nur auf neue Anforderungen hingewiesen werden. Sie gelingt, wenn sie konkrete Möglichkeiten erhalten, sich darauf vorzubereiten.
Mehr Frauen für technische Berufe gewinnen
Ein besonders großes Potenzial liegt in der stärkeren Beteiligung von Frauen in Ingenieur- und Informatikberufen. Nach den Berechnungen des VDI könnten bis 2040 allein dadurch rund 91.700 zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden.
Das ist keine abstrakte Zahl. Dahinter stehen junge Frauen, die sich für Technik interessieren, erfahrene Ingenieurinnen, die ihre Kompetenzen einbringen möchten, und viele gut ausgebildete Frauen, deren berufliche Entwicklung noch immer durch starre Arbeitsmodelle erschwert wird.
Flexible Arbeitszeiten, verlässliche Betreuungsangebote und echte Entwicklungschancen sind deshalb nicht nur Fragen der Familienfreundlichkeit. Sie sind auch zentrale Instrumente moderner Fachkräftesicherung.
Unternehmen, die Arbeitsbedingungen zeitgemäß gestalten, gewinnen nicht nur mehr Bewerberinnen. Sie werden insgesamt attraktiver – für Frauen und Männer, für jüngere und ältere Beschäftigte und für Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen.
Erfahrung ist ein Zukunftsfaktor
Auch ältere Beschäftigte müssen stärker in den Blick genommen werden. In den Fachrichtungen Maschinenbau, Metallverarbeitung, Kraftfahrzeuge, Schiffe und Flugzeuge sind 28,5 Prozent der Erwerbstätigen mindestens 55 Jahre alt.
In den kommenden Jahren werden viele von ihnen in den Ruhestand wechseln. Damit droht nicht nur ein Verlust an Arbeitskraft, sondern auch ein Verlust an Erfahrung, Wissen und praktischer Kompetenz.
Deshalb brauchen wir mehr Möglichkeiten, Wissen systematisch weiterzugeben. Mentoring, altersgemischte Teams und flexible Übergänge in den Ruhestand können dabei helfen. Wer ältere Beschäftigte länger im Erwerbsleben hält und ihre Erfahrung mit dem Wissen jüngerer Kolleginnen und Kollegen verbindet, stärkt die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens.
Erfahrung ist kein Gegenmodell zur Veränderung. Erfahrung kann Veränderung sicherer und erfolgreicher machen.
Zuwanderung als Teil der Lösung
Deutschland wird den Fachkräftebedarf außerdem nicht allein aus dem eigenen Nachwuchs decken können. Qualifizierte Zuwanderung bleibt deshalb ein wichtiger Baustein.
Damit Menschen aus dem Ausland in Deutschland erfolgreich arbeiten können, braucht es verlässliche Verfahren, gute Sprachförderung, Anerkennung von Abschlüssen und eine Willkommenskultur in Unternehmen und Gesellschaft.
Integration ist dabei keine Einbahnstraße. Unternehmen müssen offen sein, internationale Kompetenzen nutzen und neue Kolleginnen und Kollegen gut begleiten. Wer Menschen aus anderen Ländern gewinnt, gewinnt häufig auch neue Perspektiven, Erfahrungen und Kontakte in internationale Märkte.
Technik braucht Vertrauen
Der Ingenieurarbeitsmarkt 2040 ist deshalb weit mehr als eine Frage von Stellenbesetzungen. Es geht um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
Wir brauchen technische Fachkräfte, aber wir brauchen auch Vertrauen in Technik. Dieses Vertrauen entsteht dort, wo Innovation verständlich erklärt, verantwortungsvoll entwickelt und konkret erlebbar wird.
Gerade Unternehmen haben dabei eine wichtige Aufgabe. Sie können zeigen, wie technische Lösungen den Alltag verbessern, Arbeitsplätze sichern und gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen. Sie können junge Menschen für MINT-Berufe begeistern und ihnen vermitteln, dass Ingenieurarbeit nicht nur aus Formeln und Maschinen besteht, sondern aus Ideen, Verantwortung und dem Wunsch, etwas zu bewegen.
Mein Fazit: Der Arbeitsmarkt ist in Bewegung – und genau darin liegt die Chance
Die aktuellen Zahlen sind ein Weckruf. Sie zeigen, dass konjunkturelle Schwäche und Strukturwandel Spuren hinterlassen. Sie zeigen aber ebenso, dass der langfristige Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren ungebrochen ist.
Bis 2040 können bis zu 194.100 zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden. Dafür brauchen wir mehr Qualifizierung, bessere Chancen für Frauen, flexible Arbeitsmodelle, längere Erwerbsperspektiven für Ältere und eine gelingende Zuwanderung.
Ich bin überzeugt: Deutschlands technologische Zukunft ist kein Selbstläufer. Aber sie ist möglich. Wir verfügen über starke Hochschulen, innovative Unternehmen, engagierte Fachkräfte und eine große industrielle Erfahrung.
Jetzt kommt es darauf an, diese Stärken zusammenzuführen.
Wer heute in Menschen investiert, baut an den Lösungen von morgen.
Quelle
Grundlage dieses Beitrags ist der aktuelle VDI/IW-Ingenieurmonitor 2025/IV. Die vollständige Veröffentlichung steht beim VDI unter www.vdi.de/ingenieurmonitor zur Verfügung.














